Wofür sind Sie dagegen?
Wofür sind Sie dagegen, stand als Überschrift des Editorials der letzten Ausgabe eines Wirtschaftsmagazins, welches mir ein guter Freund vor einiger Zeit als Geheimtipp empfahl. Für knapp acht Euro kann man auch in der Wirtschaft seiner Qual das Tagesmenü inklusive eines kohlensäurefreien Getränkes erleiden. Ob allerdings dadurch auch so viel nachhaltige Freude aufkommt, ist mehr als fraglich. Aber dies ist eine gesonderte Geschichte, das mit dem `Fast to go-`, Fast zum Gehen, Angeboten der Eckwirtschaften.
Wofür sind Sie dagegen? Das würde von jedem Deutschlehrer unserer wortreichen Nation in jedem Aufsatz dick angestrichen. Warum oder Wieso oder schlechtes Deutsch stünde leuchtend Rot am Rand, verbunden mit der Vorwurf geladenen Frage: “ Warum, wieso und wofür sitzt du überhaupt in meinem Unterricht und stiehlst mir die Zeit, könnte ich besser in der Toskana verbringen.“ Und der Schüler denkt: “Um Schillers Glocke freihändig, Faust geballt aus meinem noch von Shakes Bier trunkenen vorabendlichen Abiturien Kopf zu schlagen“. Aber auch das ist eine neue und andere Geschichte.
Wofür sind Sie dagegen? Streng genommen ist es richtig, dass dieser Satz grammatikalisch falsch ist. Da hat der Träger des Lehramtes und des Dudenordens den Selben auf seiner Seite, wenn er den Rotstift kreiseln lässt. Aber für den, der zwischen den Zeilen lesen kann, ist es die komprimierte Form von: `Sie sind dagegen, wofür aber sind Sie?` Das kann der Germanist nicht wissen. Das erklärt auch, dass keiner der pädagogischen Deutschsprecher Handy in einem deutschen Grundsatzaufsatz anstreichen wird, obwohl es eigentlich schnurloses Telefon heißen müsste? Keiner moniert, dass FDP nach der Rechtschreibreform längst fdP geschrieben wird (fast drei Prozent). Doch die Romane über unsere romanische Sprache und die Westerwellen, Guttenberg-Kopierer und den Wulff im Schafspelz werden von den Akteuren nach Fertigstellung durch den Biografen selbst unterschrieben.
Wofür sind Sie dagegen? Fragen Sie das mal diese sogenannten Wutbürger dieser überwiegend 50 + Generation, die etablierten Alt-68er, die gegen Stuttgart 21 Sturm laufen. Selbst jetzt noch, nach einem klaren `Wir sind für den Bahnhof im Keller der Stadt` auf Basis eines Volksentscheides. Die Antworten sind nicht nur niederschmetternd anti-demokratisch, sondern sogar unterirdisch totalitär. Keiner hat diesen mittelständischen, in der Verlustangst und Midlifecrisis festsitzenden silberköpfigen Typus besser studiert und beschrieben als Gerhard Matzig in seinem Buch: „Einfach dagegen….“. Atomkraft ist nicht gut, nein danke. Neue Windräder nebst neu benötigten Überlandstromleitungen für den Ökostrom, hier in unserm Ländle? Das ist nicht gut, nein danke. In Brandenburg, do isch Platz und isch eh nix mehr los, gä! Aber diese Geschichte der in grün gekleideten Kaschmir-Württembürger im Jack Wolfskin Edeloutfit ist bei Matzig besser nachzulesen.
Wofür sind Sie dagegen? Wenn ich mich das selber frage, und das passiert mindestens, wenn nicht sogar noch öfter, täglich, komme ich manchmal mir selbst gegenüber, trotz langjähriger Routine, in Erklärungsnot.
Wofür bist Du dagegen? Ich bin gegen Hundehaufen auf den Gehwegen, Grünflächen und in Sandkästen, solange die Verrichtung dieser Geschäfte in der Öffentlichkeit beim Menschen geahndet wird. Eine Legalisierung käme den 850.000 Mitbürgern ohne eigenes Klo sehr entgegen. Ich bin dagegen, dass 21,8 Prozent der Deutschen Mittagsschlaf halten. Entweder der Spanier, nur 7,9 Prozent der Einwohner Hispaniens grunzen mittags trotz Siesta, wird sich freiwillig angleichen oder es wird in Straßburg eine einheitliche europaweit geltende Richtlinie beschlossen, die sich an der deutschen Vorlage orientiert.
Ich bin dagegen, dass aus den Lügen, die wir glauben, die Wahrheiten werden, mit denen wir leben müssen. Ich bin dafür, dass wenn die Wahrheiten angenehm sind, dann auch Ausnahmen gemacht werden müssen. Ich bin dagegen, dass eine Schmerztablette Aspirin in unserem Land 20 Cent kostet. In Großbritannien, dem Geburtsort des Komasaufens, hat man durch eine Senkung des Tablettenpreises auf nur 2 Cent den dahinsiechenden Bier- und Spirituosenherstellern rasante Umsatzsteigerungen ermöglicht. Bei fünf Pints of Guinness gibt es zehn Kopfschmerztabletten gratis. Und die Pharmaindustrie profitiert dort auch von dieser Marketingaktion. Mehrabsatz an Tabletten und in GB gibt es kein Reinheitsgebot.
Dank der Empfehlung bin ich dafür, dass wir dagegen sind, wenn Ja die Straße und Nein der Horizont ist. Und allen Jeinsagern sei Oliver Hassencamp, Autor und Kabarettist, ans rumpelnde Herz gelegt mit dem Satz: Ein erfahrener Opportunist schwimmt so mit dem Strom, dass er später sagen kann, er wäre abgetrieben worden.
Text: Tom Kleinrensing

16. Januar 2012 um 16:50 Uhr
Dagegen für Ruhm und Ehre.
16. Januar 2012 um 19:27 Uhr
Ruhm und Ehre für Tom Kleinrensing, den Großen Kostblogger! Und ein Zitat: WHATEVER IT IS – I’M AGAINST IT! http://www.youtube.com/watch?v=DtMV44yoXZ0