Winter, lieber Freund, verweile noch
Kaum verlassen die Temperaturen in Deutschland die Permafrostzone, breiten sich Leichtsinn und Unachtsamkeit aus wie wilde Minze. Während zur grauen Winterzeit Männlein wie Weiblein weite Teile ihrer im mühsam angefressenen Speckmantel vor den Unbilden der Witterung geschützten Körperteile zusätzlich noch mit dunklem Tuch verdecken, reißt beim ersten Sonnenstrahl so mancher seine Kleidung ab, als gelte es, sich brennenden Phosphor vom Knie zu schnippen. Das ist nicht immer schön.
Auf den tags zuvor noch so angenehm menschenleeren Trottoirs ist ein Beißen und Saugen und Küssen, dass es in mir zuckt, Warntafeln aufzustellen mit wutroten schrumpeligen Babyfratzen und windelschleppenden Müttern drauf. Völlig verzückt vor Glück knien Menschen vor Rabatten, in denen dreckigbraune Erde sich mit Tauwasser zu einer schmierigen Lehmschicht vermählt und zeigen mit zitternden Fingern auf nichts. Dabei rufen sie abwechselnd lateinische Blumennamen und Hosianna.
Modriges Herbstlaub vermischt mit Resten vom Weihnachtsbaumlametta wird mit großen Schippen von Balkons geschaufelt und irgendwo zündet garantiert der erste Irre seinen Grill an. Denn ist erst angegrillt, dann ist der Sommer da, dann gibt es Wurst für alle. Nur für Mutti gibt es gegrillten Tofukäse, weil die Dehnfalten vom Bikini schon bis zur Berstgrenze ausgereizt sind von den leckeren Cevapcici mit dieser fetten Sauce letztes Jahr an der Adria.
Vom Eise befreit werden der Corsa poliert und mit Cockpitspray die toten Fliegen von der Armatur verscheucht und ein neuer Duftbaum muss her mit der Frühlingsbrise „Wilde Marie“. Auch werden Sportfahrräder aus Kellern befreit und deren Speichen geputzt bis sie blinken. Dann ächzt das Carbon unter 104 Kilo. Alles Muskulatur. Fast alles. Auf den Spielplätzen fliegt der Rotz von in den Himmel schwingenden Schaukeln und bunte Kinderschuhe stampfen mit Wonne in die inzwischen leider nicht mehr gefrorenen Hundehaufen, dass es nach allen Seiten spritzt.
Findige Gastwirte stellen ihre staubigen Möbel geschickt in die wenigen Sonnenflecken. Mit durch nichts erklärbarer Gier schlagen zuvor friedlich wirkende Passanten sich jetzt um die wenigen Plätze im Freien, putzen leider nicht mehr ganz so frische Damen mit ihren sichtbar zu engen Designerjäckchen den Winterschmodder vom Gestühl und bestellen Prosecco mit schockgefrosteten Sommerfrüchten. Mich schaudert.
Bald kackt die erste Amsel im freien Flug einen fröhlichen Klecks auf den Eiswaffelstand und nur ganz kurz verschämt wischt Luigi mit dem Vorjahreslappen – denn der ist noch gut, der taugt noch, die Deutschen immer mit ihrer hysterischen Idee von Hygiene – das gefallene Etwas in‘s Zitroneneis rein, denn Zitroneneis läuft super, sobald der Frühling einzieht in die schlichten Gemüter. Wer aber seinen Dostojewski liest und dazu auch gerne Tee trinkt, der wünscht sich, dass er noch nicht weichen möge, der liebe gütige Winter.
Bild: Annett Hamann (Austria)



5. März 2012 um 17:26 Uhr
Tja Leute, kannsde machen, wasde willst. Momentan erreicht nur unser Autor Mike Altmann erquickliche Leserzahlen. Respekt, Kollege.
5. März 2012 um 19:45 Uhr
Das, mein Lieber, spricht höchstens für meine Anbiederung an die Massen. Ich bin so kommerziell. Du dagegen kannst wirklich schön UND intelligent schreiben. Habs viermal gelesen
5. März 2012 um 22:24 Uhr
Axel, die Revolution wird immer nur von Wenigen geführt. Diese subtile universale Ungnädigkeit die aus diesem Text spricht, kühlt auf das Angenehmste mein Herz. Weiter so. Wenn der Schnee erst schmilzt, wer will denn die Kacke sehen ?
6. März 2012 um 15:21 Uhr
Gut.
Dann weiter so.
6. März 2012 um 21:26 Uhr
Ja.
Was denn sonst?
7. März 2012 um 16:34 Uhr
Ja! Im Sommer schmelzen die Polkappen und treiben das Phosphor vom Bottnischen Meerbusen bis nach Görlitz. Lass mal lieber alle kaltmachen.
24. Juli 2012 um 09:27 Uhr
Ein tolles Foto, ein klasse Text, was will man an einem Bloglesemorgen mehr erleben.