Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Gut, dann rühre ich halt einfach meine Flakes unter den Joghurt, gieße mir meine Milch in den Kaffee und setze mich vor den Fernseher. Mein schlechtes Gewissen treibt mich dazu, den Nachrichtenkanal zu wählen. Den ganzen Sommer über hab ich mich kaum um die Welt gekümmert, da wird es mal langsam Zeit.
Hm, es geht um den Amoklauf in Colorado. Schön und gut, aber das weiß ich bereits. Ich schalte lustlos durch die Kanäle und bleibe beim lokalen Sender hängen. Dort läuft gerade ein Band durch mit den Nachrufen des heutigen Tages. Irgendwie morbide. Ich will gerade weiter schalten, da falllen mir zwei junge Männer auf. Beide am selben Tag gestorben, in der selben Stadt, der eine 19, der andere 20.
Ich recherchiere im Internet. Sie sind erschossen worden, saßen zusammen im Auto, morgens um fünf. Meine Phantasie legt los. Saginaw, North End. Kein gemütliches Pflaster. Die Polizei ermittelt noch. Die User der Webseite sind sich aber einig: Ein geplatzter Drogendeal, zwei dealende Junkies weniger.
Ich klicke weiter. Nicht alle wollen das so schnell ad acta legen. Augenscheinlich geht es immer wieder um das Thema Schwarz gegen Schwarz. Man will die Straßen der Stadt zurück erobern. Sich wieder sicher fühlen.
Die beiden sind bereits Opfer Nummer 12 und 13 in diesem Jahr, dabei hat die Stadt gerade mal gut 50.000 Einwohner.
Ich trinke gedankenverloren einen Schluck kalten Kaffee, denke an meine Angst vor dem starken Gewitter in der Nacht, und versuche mir vorzustellen, so zu leben. Immer in Angst, dass aus dem nächsten vorbeifahrenden Auto geschossen werden könnte. Das ist kein Film, das ist hier die bittere Realität. Auch in der Nachbarstadt Flint sind in den letzten Wochen vier Menschen erschossen bzw. erstochen worden. Das gehört hier augenscheinlich zum Alltag.
Als ich später an der Kreuzung vorbeifahre, wo genau vor zehn Tagen eine schwangere Frau erschossen wurde, weil sie ihr Auto nicht kampflos verlassen wollte, wird mir mulmig. Es war am hellichten Tag, genau wie jetzt
The land of the free
schießt mir nicht das erste Mal in diesem Urlaub durch den Kopf.
Bei großer Hitze geht man hier auch nicht nach fünf in die Malls zum Einkaufen. Dann treibt sich dort das Gesindel rum, dass aus den Gettos der Stadt zum Abkühlen per Bus hergebracht wurde. The bad blacks erklärt mir mein Schwager, die machen den Ärger. Aha.
Trotzdem bleibe ich lieber zuhause und warte auf einen kühlen Tag. Oder auf den nächsten Morgen. Oder so.
Und frage mich, wie ich mich fühlen würde, wenn ich nicht mehr einfach losfahren könnte, um im Fördepark in Flensburg einkaufen zu gehen. Wenn bei Werten über 20 Grad Reisebusse aus Dänemark kommen würden, um kaufwütige Dänen auf das Bierlager von REAL loszulassen. Es zum Showdown kommen würde auf dem Parkplatz zwischen friedlichen Holländern, die sich für die Weiterfahrt nach Skandinavien mit Vorräten eindecken wollen und durstigen Dänen und Deutschen, die keinen der anderen wirklich je gemocht haben.
Meine Phantasie streikt.
Ich gehe wieder schwimmen. So friedlich auf dem Rücken treibend, sieht der Himmel mit seinen weißen Schäfchenwolken paradiesisch aus. Und gar nicht mehr gefährlich.
Später, bei meinem Lieblingshobby, dem Wäschezusammenlegen, finde ich ein T-Shirt meines Schwagers mit dem Aufdruck: “Flint – Zweithöchste Kriminalitätsrate der Nation. Falls Du Angst hast, zieh um nach Detroit.”
Würde ich. Sofort. Ich kenn’ nur leider keinen, der dort wohnt.
Text/Bild: Barbara Loelf


15. August 2012 um 08:27 Uhr
Ich muss schon zugeben, dass mir bei deinen Erzählungen ein wenig der Schauder über den Rücken gelaufen ist. Um kein Geld der Welt würde ich meine geliebte Heimat verlassen, um beispielsweise mich in Detroit niederzulassen. Ich bin zwar bei weitem kein ängstlicher Mensch, dort würde ich jedoch tatsächlich um mein Leben fürchten.
16. August 2012 um 10:13 Uhr
Wie genial ist das denn? Schöner Beitrag, leider komme ich ja nicht so schnell dahin, aber es ist ja einmal etwas wirklich neues und nicht etwas was man schon aus den Medien zu hau hört, sieht oder liest.
Nee, spass bei Seite natrürlich will ich da nicht hin. Seltsam, bBekannte von mir waren in einem Ort, ich komme nicht auf den Name, aber dieser Ort soll der gefährlichste Ort der USA gewesen sein. Irgenwie gibt es wohl sehr viele von diesen Orten. Naja, man stellt sich immer mit den Umständen gut. Man kann sich einsperren oder rausgehen und etwas erleben.
18. August 2012 um 09:15 Uhr
Ja, der gefährlichste Ort, das hat augenscheinlich was morbides-faszinierendes. MICH schreckt es ab. Früher geschahen die Verbrechen allerdings wirklich hauptsächlich im Norden der Stadt Flint. Heute ist es fast überall. Und da wird es plötzlich sehr persönlich.
Als ich allein dort war, ohne Kinder, bin ich trotzdem raus und hab mich nicht einschüchtern lassen. Jetzt, mit den drei wichtigsten Menschen an meiner Seite, war das eine ganz andere Geschichte.
27. August 2012 um 17:45 Uhr
Sehr toll geschrieben! Ich muss gestehen, mir wird auch etwas mulmig dabei, wenn ich daran denke, dass ich in Kürze für ein paar Monate in die USA ziehen werde, aber es ist ein Lebenstraum von mir und da nimmt man eben auch solche Faktoren hin. Aber natürlich denke ich auch oft darüber nach, ob ich denn dort die gleichen „Freiheiten“ haben werde wie hier, oder mich doch lieber Nachts nicht aus dem Haus trauen sollte. Wird auch sicherlich davon abhängen, in welche Gegend ich ziehen werde, aber mulmig ist da einem schon…vor allem als Frau.