Wenn Autofahrer das Laufen lernen
Manchmal fängt ein Tag gut an, manchmal schlecht. Und manchmal fängt er halt – an. So ein Tag ist heute. Den Zettel voller Notizen, entsprechend unleserlich, denn ich tipp sonst nur, damit ich bloß nix vergesse. Gehetzt, genervt, gespannt. Raus aus der Tür, rin in die Karre. Erster Stopp: Opel-Werkstatt im schönen Sankelmark. Das Auto muss zur HU, vorher noch inspiziert werden. Ich sehe nur das große dicke Minus vor dem Betrag auf unserem Konto und ein unangenehmer Schauer läuft mir den Rücken hinunter.
Auf die Frage nach dem Kilometerstand hauche ich ein unsicheres „194.000“. Man zuckt, witzelt: Eingefahren, die Karre? Und geht dann zum Tagesgeschäft über. Ich bekomme ein freundliches: „Wir rufen Dich dann an“ mit auf den Weg. Und schon bin ich wieder unterwegs. Diesmal auf Schusters Rappen. Waren die Sohlen schon immer so dünn? Vielleicht hätte ich doch eine dickere Jacke anziehen sollen. Mir fröstelt.
Bei der Bushaltestelle angekommen stelle ich fest, dass ich den Schulbus knapp verpaßt habe, für den Linienbus aber viel zu früh dran bin. Ach, das Landleben ist herrlich. Da ich keine 45 Minuten dumm rumstehen will, gehe ich einfach mal los. So auf zwei Füßen. Immer schön auf dem Radweg an der B76 entlang. Mit einem Ohrwurm im Kopf: Army of Fortune. They are like diamonds, and diamonds are forever. Summe, singe und komme so langsam in meinen Rhythmus.
Die Sonne scheint, die Vögel singen zwar nicht im gleichen Takt, dafür aber umso lauter. Ich schreite weiter aus und merke, Wunder, oh Wunder, wie meine Laune steigt. Schön ist es hier bei uns. In Angeln. Leicht hügelige Felder, das erste Grün an den Bäumen, Frühlingsblumen am Wegesrand.
Wenn nur die vielen Autos nicht wären. Mann, machen die einen Lärm. Bekommen die Fahrer eigentlich mit, wie schön es um sie herum ist? Bestimmt nicht, die Ignoranten scheinen nur am schnellen Vorwärtskommen interessiert. Wie blind sind die eigentlich? Und wissen die denn nicht, dass hier 80 gefahren werden soll? Höchstens?
Ich schüttele den Kopf und genieße mein gutes Gewissen. Außer mit meinem Atem schädige ich die Umwelt nicht.
Ich komme zur nächsten Bushaltestelle. Frage einen dort wartenden, wie spät es ist. Noch über 20 Minuten. Nee, ich gehe weiter zu Fuß. Er fragt irritiert, ob er mir das Fahrgeld leihen soll. Ich lache ihn an und verneine lächelnd. Den Rest des Weges singe ich jetzt lauthals: They are the love above the love. Schön, dass hier außer mir keiner läuft.
Am Zwischenziel angekommen merke ich, dass es mir einfach nur gut geht, doch die letzte Etappe ist mir zu lang. Ich entscheide mich mit dem Bus zu fahren. Für eine Haltestelle weiter fahren zahle ich 2,60 Euro. Busfahren ist doof. Finde ich. Zumindest bei Sonnenschein. Und teuer. Macht aber nicht so müde.
Trotzdem sind WIR Fußgänger einfach die glücklicheren Menschen. Ist so, kann man nichts machen. Und Farbe habe ich jetzt auch im Gesicht.
Text: Barbara Loelf


6. Juni 2012 um 10:33 Uhr
Noch besser ist zu Fuß gehen, wenn der Chauffeur mit dem Bentley Mulsanne nebenher fährt. Da kann er dann auch die Scheiben runtermachen und Musik nach Wahl abspielen. Wunderbar, die Vorstellung.
6. Juni 2012 um 15:23 Uhr
http://www.youtube.com/watch?v=CN1ZnEi3FdY
Nur damit der interessierte Leser weiß, was geschmettert wurde, dort an der B76, in der Nähe des Sankelmarker Sees.
6. Juni 2012 um 15:46 Uhr
Herrlich leichter Text, herrlich leichtes Lied, ein herrlich leichter Tag. Je me remercie.
6. Juni 2012 um 15:56 Uhr
Mais, c’est avec plaisir.
(Okay, ich hab mein Pulver verschossen. Jetzt bitte nur noch auf Englisch, Dänisch oder Deutsch.
)
6. Juni 2012 um 16:15 Uhr
Respekt! Liest sich gut.
6. Juni 2012 um 17:01 Uhr
Schöner Text, schönes Lied.
Ganz nebenbei: Die Gruppe Boy durfte ich bei einem ihrer ersten Auftritte in Berlin, im Heimathafen Neukölln, live erleben. Kleiner Rahmen, völlig unbekannt, und einfach nur wunderschön. Nach dem Auftritt freundlich bereit für ein wenig Smalltalk und ein paar Autogramme. So klein wird es die jetzt vermutlich nicht mehr geben, aber wenn ihr die Chance habt sie mal live zu erleben, rate ich Euch trotzdem: Hingehen!
6. Juni 2012 um 17:08 Uhr
Sie sind im August in Hamburg im Stadtpark zu sehen, hören und erleben! Ich freu mich drauf, denn eine kleine Fee hat mir zugeflüstert, dass ich wohl Tickets zum Geburtstag bekomme.
Ich hab Boy das erste Mal bei der LauschLounge in Klanxbüll an der Nordsee erlebt. Kennst Du die LauschLounge, Thomas?
7. Juni 2012 um 10:43 Uhr
Nein, sagt mir nichts. Ich bin, was kleine Konzerte angeht, zumeist in Berlin oder Kassel unterwegs. Da sind es der Heimathafen Neukölln und der Schlachthof, wo ich immer mal ins Programm schaue. LauschLounge werde ich mir mal notieren.
18. Juli 2012 um 20:05 Uhr
Das lese ich jetzt erst. Welche Fee zwitschert Dir sowas denn? Und vor allem…kannst Du Dich auf die Tratschtante verlassen?
19. Juli 2012 um 00:43 Uhr
Doch. Die ist verlaesslich.