Was macht der Weihnachtsmann im Juli?
Heute früh, kurz nach neun. Große Kulleraugen, aufgeregte Kinderstimmen. Meine Jüngste, sonst eher ein Morgenmuffel, jetzt im Urlaub dran gewöhnt, ausschlafen zu können, ist total wach.
Mama hat gesagt, wir besuchen den Weihnachtsmann. Hallo, IM SOMMER!
Sie bekommt den Mund vor Aufregung nicht mehr zu und vergisst vor lauter Faszination, dass sie ja eigentlich schon ewig, also so seit letztem Jahr, nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt.
Wir fahren los. Meine beiden Großen sind eher gelangweilt. Aber sie machen gute Miene zum Weihnachtsmanngefasel. Ich grinse vor mich hin, denn ich bin mir sicher, dass auch sie sich von dem Weihnachtszauber gefangen nehmen lassen werden.
Und richtig, als wir bei Bronner’s, einem riesengroßen Geschäft für Weihnachtsartikel, ankommen, sind sie plötzlich hellwach. Ich bin bereits das dritte Mal hier. Und immer noch geschockt von soviel, nun, ja, Weihnachten. Gleich am Eingang ein übergroßer Weihnachtsmann, viele Weihnachtselfen um ihn rum. Als wir durch die Doppeltüren in den Verkaufsraum gelangen, höre ich meine Kinder deutlich einatmen. Geschafft. Wir haben sie am Haken.
Sie gehen mit offenen Mund von einem Regal zum nächsten. Bewundern alles, berühren es verstohlen. Soviel Weihnachtsdeko haben sie noch nie in ihrem Leben gesehen und werden sie wohl, außer sie kommen mal wieder hierher, auch nicht wiedersehen. Unter der Decke sind verschiedene Szenen mit Weihnachtsmännern, Engeln, Krippenspiel und Schneemännern zu betrachten. Übergroße Figuren lächeln auf uns herunter und verfehlen ihr Ziel nicht, meine Kinder lächeln zu ihnen hinauf.
Die Umgebungstemperatur läßt winterliche Gefühle aufkommen. Wir frieren. Draußen herrschen fast 40 Grad. Hier drinnen vielleicht 18. Egal. Für jedes Hobby, für fast jeden Beruf gibt es eigene Deko. Selbst Obst und Gemüse werden hier als Baumschmuck angeboten. Als ich eine halbe Knolle Knoblauch in der Hand halte, muss ich schmunzeln. Das wäre ein Mitbringsel für meine Freundin. Eine begabte Köchin, deren wichtigste Zutat eben genau das ist: Knoblauch. Mir wird ein wenig wehmütig. Ich vermisse meine Freunde, meinen Mann, der inzwischen wieder in Deutschland weilt und das Geld verdienen muss, was wir wohl hier ausgeben werden.
Ich läster gern über die Weihnachtsverrücktheit der Amerikaner, aber sie ist ansteckend und ich alles andere als immun.
Diese heile Weihnachstwelt, dieses riesengroße Familienhappening, das reißt auch mich mit.
Mein erstes und bis jetzt einziges Weihnachten in den USA war das in 1985. In Deutschland gab es noch keine blinkenden Lichterketten, kaum unechte Weihnachtsbäume und die Gießkanne, versteckt hinter dem Sofa, war noch ein MUST, denn die echten Kerzen waren nicht ganz so ungefährlich.
Was ich sagen will damit? Nun, ich war nicht vorbereitet. Kein bisschen. Schon gar nicht zu dem Zeitpunkt: Ich hatte den leckeren Truthahn vom Thanksgiving Dinner noch nicht verdaut, da begann das große Ein- und Auspacken bei meiner Familie. Die normale Deko, im Überfluss vorhanden und schon recht exotisch für mich, wurde in vielen verschiedenen Kisten und Kästchen verstaut, um Platz zu machen für die noch reichhaltigere und farbenfrohere Weihnachtsdeko.
Als erstes wurde der Weihnachtsbaum zusammengesteckt. Leider klappte die Kommunikation meiner Gasteltern so gar nicht, so dass dieser Baum von unten nach oben breiter wurde. Der sich darauf hin entwickelnde Streit wirkte dermaßen auf meine Humornerven, dass ich unter Tränen lachend aufs Sofa fiel. Peace on Earth. Ja, nee, is klar.
Abgelenkt von meinem Gelächter hörte man auf zu streiten und steckte die Äste einfach um. Das, was dann kam, verschlug mir allerdings den Atem. Ich, die ich in einem Haus mit wenig, aber schöner und geschmackvoller Weihnachtsdekoration aufgewachsen war, mit einem echten Baum aus dem eigenen Garten, mit Bienenwachskerzen und selbstgebastelten Strohsternen, musste mit ansehen, wie dieses Plastikungeheuer unter Bergen von Lametta und bunten Lichterketten verschwand.
Nachdem auch die Gästehandtücher im Badezimmer gegen die Weihnachtsvariante ausgetauscht worden waren, versammelten wir uns alle um den Baum. Kurzes, spannungsgeladenes Schweigen. Stecker rein in die Steckdose und er erleuchtete in Rot – Pause – Gelb – Pause – Blau – Pause -Rot usw.
Dazu fiel auch mir nichts mehr ein. In den über vier Wochen bis Weihnachten blieb der Stecker in der Steckdose. Die Lichterkette tauchte das Wohnzimmer immer wieder in rotes, gelbes, blaues Licht und trieb mich langsam, aber sicher, in den Wahnsinn. Ich kam auf die geniale Idee, einfach mal den Stecker zu ziehen.
Ruhe.
Frieden.
Ein bisschen Weihnachtsstimmung machte sich in mir breit.
Bis, ja, bis die Familie ins Wohnzimmer stürzte und geschockt feststellte, dass die Lichterkette kaputt sein musste.
Stecker rein, Frieden aus. Merry Christmas.
Text/Bild: Barbara Loelf


28. Juli 2012 um 16:20 Uhr
Ich bin auch so aufgewachsen, dass bei uns ein richtiger Baum, geschmackvoll in ein, zwei Farben geschmückt, stand. Dieses Plastikgewese ist einfach nur furchtbar. Auf der anderen Seite ist Bäumefällen in Zeiten von Umweltschutz und Klimwandel auch nicht sonderlich toll. Vielleicht einfach einen eingepflanzten an Weihnachten benutzen