Was für eine Frage
Im fortgeschrittenen Alter steigt man zum Berater auf. Auffallend häufig werde ich in letzter Zeit gefragt: Was ist eigentlich Liebe? Die das wissen wollen sind deutlich jünger, sehen besser aus und gehören zu einer Minderheit, die wir als Frauen zusammenfassen. In gut gelaunten Momenten antworte ich mit der Stimme von Spejbl. Oder heißt der Vater Hurvinek? Egal, da ich so gut wie nie gut gelaunt bin, bleibt die Stimme im Bauch.
Ja, woher soll ich das denn wissen, denke ich mir jedes Mal, wenn mir diese Frage aufgedrängt wird. Immer wollen Menschen eine Definition haben. Als wäre Liebe eine wissenschaftliche Formel. Möglichst von jemandem wie Einstein entdeckt und auf die Rückseite seines Einkaufszettels gekritzelt. Oder zumindest eine Instanz wie Luther sollte die Antwort bitteschön an irgendein Garagentor gepinnt haben. Aber nein, nicht einmal Franz Beckenbauer oder Frau Katzenberger haben eine entsprechende Denkschrift verfasst, nach der es sich gut lieben lässt. Das macht uns Menschen unsicher, wie immer, wenn wir eine Antwort finden müssen.
Das beginnt ja schon in der Schule, dieses Dilemma des selbst denken Müssens aber nicht Dürfens. Wir bekommen Texte von den großen Klassikern vorgesetzt. Und sollen diesen auf ewig unantastbaren, längst vermoderten Gehirnen, Gedanken entlocken, die sie damals wohl bewegten, als sie über Glocken oder Fäuste schrieben. Bewertet wird danach, was Ministerialbeamte in Lösungsbüchern der Interpretation zementieren. Eher unerwünscht sind eigene Gedanken, die einfach so dahinfließen beim Lesen von diesen Zeilen aus Anno dazumal.
Ich erinnere mich, dass es in der Schule auch grundsätzlich darauf ankam, eine gewisse Länge vorzulegen, denn in Deutschland werden Antworten nicht allein anhand des Inhalts bewertet. Wichtiger ist noch immer der Fleiß. Dafür gibt es Bienchen. Fürs um die Ecke denken wartete der Karzer, später dann umbenannt in Hausbesuch. Die Aufgabe hieß übrigens: Warum ist Platon Philosoph geworden? Meine Antwort entstand spontan und war aus meiner Sicht allumfassend. Sie passte auf eine Zeile. Ich gab mir auch keine Mühe, besonders groß zu schreiben, da ich bereits in jungen Jahren ahnte, dass sich gutes Design vor allem durch viel Freiraum auszeichnet. „Platon hatte keine Lust zu arbeiten.“
Ausgerechnet ich soll jetzt also wissen, was Liebe ist? Was für eine Antwort wird denn da erwartet? Es gibt so viel Liebe. Immer und überall. Nehmen wir nur die berühmte Liebe auf den ersten Blick, wo einem die Hormone durch die Schädeldecke schießen und direkt bis zur Raumstation MIR fliegen, sobald die Zielperson den Raum betritt. Es flattern angeblich Schmetterlinge im Bauch, was nach schriftlicher Auskunft des Direktors des Naturkundemuseums wissenschaftlich nicht haltbar ist. Dann gibt es diese Liebe, wo sich zwei Menschen allmählich kennen lernen, weil sie beruflich miteinander zu tun haben, sich seit einem halben Jahr auf benachbarten Pilates-Matten verrenken oder jeden dritten Donnerstag mit ihren eigentlichen Partnern zum lustigen Partner-Spiele-Abend treffen. Telegene Paartherapeuten sprechen dann wahlweise von der Liebe auf den zweiten bis vierzehnten Blick, je nachdem welcher Sender den Quatsch aufzeichnet.
Ja, aber was ist denn nun die Liebe? Die wirkliche, richtige, großartige und alle Zeiten überdauernde, drängeln meine jungen Gesprächspartnerinnen mit ihren Blicken. Was bleibt nach dem großen Kribbeln? Ist sie in diesem Moment vorbei oder beginnt sie dann eigentlich erst? Und was, wenn man vor jemandem weggelaufen ist, weil man glaubte, da draußen muss es doch noch einen anderen geben, einen, der für mich bestimmt ist? Einen der schon so lange auf seinem Stuhl auf mich wartet, dass er vom Hin- und Herrutschen einen wunden Hintern hat. Nur weil ich zu blöd bin, ihn zu finden. Was, wenn sich dieser Mensch irgendwann von seinem Stuhl aufrafft und sich in die Krankenschwester verliebt, die ihm den Popo verbindet, nachdem sie diesen zuvor ausgiebiger als medizinisch notwendig mit Salbe einmassiert hat? Und ich mich nun also fragend umschaue, ob das, was ich einmal hatte, nicht bereits das gewesen ist, wonach ich immer suchte. Gibt es dann eine zweite Chance?
Jaja, diese Frage nach der Liebe. Ich könnte gutes Geld damit verdienen, Stuhlkreise aufbauen, allerlei Räucherstäbchen in Feng-Shui-konformen Räumen abbrennen und angeblich entspannende Musik aus meinem CD-Player auf die beratungswillige Kundschaft regnen lassen. Aber nein, die Antwort ist so simpel, dass sie mal wieder auf eine Zeile passt: „Die Liebe ist großartig. Sie stellt keine dummen Fragen.“


13. Januar 2012 um 10:09 Uhr
sehr schön geschrieben =). Die Liebe ist entweder existent oder man muss auf sie warten. Erzwingen kann man nichts =)
13. Januar 2012 um 10:28 Uhr
Wartesaal ist auch öde. Leben. Die kommt schon von alleine angelatscht, die Olle.
13. Januar 2012 um 14:50 Uhr
Das Bild. Das Bild. Her Altmann mit langen Haaren. Herrlich. Hast Du die Pilotenbrille noch?
13. Januar 2012 um 15:29 Uhr
Sehr schön! Zum ersten Absatz kann ich nur sagen: So geht es mir auch immer! Dauernd fragen mich junge, gut aussehende Frauen: “Ingolf – was ist die Liebe?” Und ich antworte dann immer: “Baby — ich bin da ganz, ganz schlecht, was die Theorie anbelangt.”
15. Januar 2012 um 14:58 Uhr
Wenn man von Liebe spricht, meint man damit ja meistens die Liebe zwischen zwei Menschen in einer Beziehung. Wobei aber verliebt sein mit Liebe verwechseln. Ob die Liebe echt und von Dauer ist, kann sich nur in schwierigeren Zeiten zeigen.