Verantwortung

Das Los der Verantwortung, quasi ihr Schicksal, ist ihre Verneinung: die Verantwortungslosigkeit. Die ist das Ergebnis einer systematischen Verleugnung der Verantwortung. Sie hat in unserer Gesellschaft einfach keinen Platz mehr, keinen Stellenwert, sie steht – bildlich gesprochen – auf dem Abstellgleis.
Es gibt Augenzeugen, die nächtliche Aktionen größeren Ausmaßes an Bahnhöfen beobachtet haben wollen, ohne sich darauf einen Reim machen zu können. Heute weiß man, dass diese Aktionen lediglich die Verbringung der Verantwortung auf Abstellgleise zum Ziel hatten. Hinzu kam, dass die Bundesregierung, die weitgehend hierfür Sorge trug, das Volk mit Aktionen wie Castortransporte durch die Republik in die Irre führte, um vom Wesentlichen abzulenken. So weit, so gut.
Aber wie kam es dazu? Warum musste die Verantwortung von der Bildfläche verschwinden?
Die ist zum einen darauf zurückzuführen, dass insbesondere die Politik sich in einer Zwangslage sah, die unauflöslich schien. Verantwortung haben, zu tragen, hieß ja, Antworten geben zu müssen, Stellung zu beziehen. Und dies schien immer mehr unzumutbarer, vor allem bei den in der Politik Tätigen, da es sowohl ihre Intelligenz, ihren persönlichen Belastungsrahmen als auch ihren Vertretungsauftrag durch das Volk überforderte. Bis zu diesem Zeitpunkt, als man auch mit der Heuchelei aufhörte, Verantwortung zu tragen und sie nunmehr als unpassend ablehnte, gab es noch Leute, die für Zustände, Vorkommnisse und Verhaltensweisen Verantwortung glaubten tragen zu müssen und deshalb auch schon als töricht bezeichnet wurden. Man wusste damals, als Wahlpöbel, wenigstens: also der oder die ist verantwortlich für diese oder jene Sauerei.
Heute ist das ganz anders. Klassisches Beispiel, aber durch die normative Kraft des Faktischen schon wieder überholt, ist die Frage der Verantwortung für den “Ablauf” der Love Parade in Duisburg. Einer musste ja verantwortlich sein. Mitnichten! Die drei Personen, die dafür in Betracht kamen, setzten sich an einen Tisch und spielten munter den Schwarzen Peter aus. Wenn den einer dann hatte, wurde neu gemischt und wieder neu ausgespielt. Bis jedermal den Schwarzen Peter hatte. Damit war die Konfusion total und keiner wusste mehr, wer verantwortlich zeichnen musste. Eigentlich keiner – wenn drei dafür in Frage kommen.
Mittlerweile werden wir, in diesen Tagen, viel schlauer gemacht. Da gibt es einen Minister, der ein bisschen bei seiner “summa cum laude” Doktorarbeit gemogelt hat – man kann es natürlich auch anders nennen, wie geistiger Diebstahl, Betrug gegenüber der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität und gegenüber der Öffentlichkeit, Amtsmissbrauch durch Inanspruchnahme des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages für private Zwecke… aber halten wir uns nicht mit Nebensächlichkeiten auf – und dies hatte zum Ergebnis, dass die Doktorarbeit nicht mehr des höchsten Lobes wert war, weder ihm noch seiner Universität, allenfalls als wissenschaftlicher Beitrag annehmbar, wie dreist man abschreiben kann.
Und damit war die Sache erledigt. Denn er ist ein guter Minister – und wurde auch als solcher eingestellt und nicht als wissenschaftlicher Mitarbeiter, wie unsere, die nicht meine ist, Bundeskanzlerin betonte. Von Verantwortung sprach in diesem Zusammenhang keiner mehr. Auch unser Wahlpöbel nicht, denn dieser Herr ist ja so schneidig und gutaussehend, jung und cool, und vor allem ist er adelig, wir Deutschen lieben doch nun mal den Adel und bislang musste unsere unerfüllte Sehnsucht nach einem Königreich immer wieder an das englische Königshaus andocken. Jetzt endlich haben wir selbst einen, den sogar, laut Wikileaks, die Amerikaner, unsere Freund lieben.
Von Verantwortung sprach schon deshalb keiner mehr, weil sie abgeschafft worden war. Vor wenigen Jahren hätte man dem adeligen Schnösel noch vorhalten können: Junge, du hast Verantwortung als Führungsmensch, gegenüber deiner Truppe, den Jungs, die die Kastanien für dich und angeblich auch für uns, da Afghanistan ein Teil Deutschlands sein soll, aus dem Feuer holen, du bist unglaubwürdig, ein Betrüger, der als Vorbild allenfalls noch für die “Bunte” und die “Bild” taugt – und du hast auch Verantwortung gegenüber den Bürgern, die dich gewählt haben, weil sie in dir einen Hoffnungsschimmer für die zur Salzsäure erstarrte Politik in diesem Lande sehen. Du musst daher abtreten als Minister, denn Integrität ist nicht teilbar. Wenn du als Minister brauchbar bist, rechtfertigt, sanktioniert das nicht deine Ferkeleien in anderen Bereichen, denn sonst sollte sich jedermann ein Label zulegen, das da heißt: Ich bin in einer Sache richtig gut, also wirklich richtig super, da spielen doch meine kleinen Vergehen, wie Päderastie oder ähnliches wirklich nur eine untergeordnete Rolle…
Und dann wäre dieser Minister zurückgetreten. Aber doch nicht unser adelige Schnösel! Er hat eben kein Verantwortungsgefühl. Er erhebt sich über Wasser, Anstand, Moral und eigene Ehre und Kerner steht am Ufer und macht sich vor lauter Begeisterung, dass er i h n als Freund hat, in die Hose und die Ururenkelin von Bismarck…na, ja lassen wir das.
In letzter Konsequenz: wenn niemand mehr für Zustände, Vorkommnisse und Verhaltensweisen verantwortlich ist, ist dies der direkte Weg in die Anarchie.
Foto: Arielle Kohlschmidt

1. März 2011 um 08:23 Uhr
Ich bin in meiner Grundausrichtung als friedliebender Mensch geneigt, Fehler zu verzeihen. Auch wenn es große Fehler sind. Ich bin geneigt, Menschen eine weitere Chance einzuräumen, wenn der Fehler keinen anderen Menschen körperlich oder seelisch verletzt hat. Obschon es als sicher anzunehmen ist, dass die fleißigen Briefe(unter)schreiber des gestrigen Tages sich höchst verletzt in ihrer Seele fühlen. http://offenerbrief.posterous.com/ Sie mögen es mir nicht nachtragen, denn sie werden ohne bleibende Schäden davonkommen.
Worauf ich hinauswill ist etwas anderes. Um trotz Fehler nach dieser persönlichen Krise weitermachen zu können, muss Herr zu Guttenberg aufklären. Was genau ist passiert? Ich würde ihm nicht unterstellen, dass er sich eines Ghostwriters bedient hat. Jedoch eines Sekretariats o.ä. Tipphilfen, welche sein zusammengetragenes Material abgetippt haben – das scheint mir wahrscheinlich. Und dann hat “KT” in der Endkorrektur geschlampt? Wer weiß…
Klären Sie auf Herr zu Guttenberg, dann will ich persönlich die Affäre gern vergessen.
1. März 2011 um 09:08 Uhr
Liebe Annett, lieber Claus,
was ich in den letzten 2 Wochen beobachte, erinnert mich stark an mich selbst.
1. März 2011 um 09:32 Uhr
(upps, zu schnell gewesen …..)
….erinnert stark an mich selbt. Da gab es doch mal einen Tag in meinem Leben, an welchem ich nicht den Mut hatte, meinem Vater zu erklären, warum ich nicht in der Lage war, das tags zuvor gepackte Geschenk fuer meinen Cousin zur Post zu bringen. Schon am Morgen stand es da – gross, riesengross und nicht zu verleugnen. Ich musste zur Schule, 3 oder 4 Stunden und bereits in der Hofpause quälten mich die Gedanken an die bevorstehende Aufgabe nach dem Unterricht. Post. Wie macht man das? Wo die Post war, wusste ich. Kein Problem. Auch wieviel man zu bezahlen hatte, immerhin war das Entgelt fein säuberlich bereitgelegt. Doch wie funktionierte es auf einer Post? Ich wusste es nicht. Den ganzen Vormittag begleiteten mich die Gedanken. Sollte ich mich absichtlich im Sportunterricht verletzen? Sollte ich ausnahmsweise mal den Hausaufgabenunterricht besuchen, länger als gewohnt im Hort bleiben? Vielleicht halfen ja auch die Ausflüchte, ich hätte den falschen Bus genommen und den ganzen Nachmittag dazu verbraucht, aus Königshufen zurück zu wandern? Doch so richtig wollten mir diese Ausreden selbst mir nicht einleuchten, sie gefielen mir nicht, sie waren zu einfach, besassen keine Logic, nicht die Masse, als plausible anerkannt zu werden.
Der Tag verstrich, die ins Kalkül gezogenen Berge an Ausreden wuchsen zu stattlichen Gebirgen.
Letztendlich habe ich es doch getan. Ich bin irgendwie zur Post gelangt – mitsamt meinem Riesen-Paket, habe im zarten Alter von 8 1/2 Jahren und zitternden Beinen die Treppen erklommen, den Blick einer älteren Dame am Schalter erhascht, ihre Aufmerksamkeit und Geduld obendrein. Was sie genau da tat und wie und womit, konnte ich damals nicht begreifen. Doch mein Paket war ich los. So einfach! So schnell! Und ich war stolz. Nicht auf das Paket, nicht auf mich und meinen Postweg. Ich war stolz, meinem Vater keine Lüge erzählen zu müssen. Nicht zu lügen, fühlte sich irgenwie besser an, als das eigentliche Objekt des Handelns. Ein wirklich gutes Gefühl.
Später hat er mir einmal so ganz nebenbei verklickert, dass er sich noch an diesen Tag erinnern kann. Mehrmals während der Arbeit dachte er darüber nach, wie ich es wohl anstellen würde. Auf die Frage, ob es ein Test war, antwortete er mit einem zweideutigen Lächeln. Dass ich damals über Notlügen sann, die aus keiner Not geboren wurden, habe ich wiederum nie erzählt. Aberwar das nicht auch bereits der Beginn einer nächsten Lüge?
1. März 2011 um 11:01 Uhr
Vor wenigen Minuten wurde dieser Artikel KTG betreffend von der Wirklichkeit überholt.