Und in der Bibel steht geschrieben
Ich merke, wie mir langsam der Hahnenkamm schwillt, mein Puls steigt und sich meine Muskeln anspannen. Ich möchte schreien, laut. Aber meine gute Erziehung verbietet es mir. Außerdem würde ich hier, am Ort des Geschehens, außer sehr viel Verwunderung auszulösen, nichts bewirken. Hier herrschen andere Regeln, ein anderer Glauben.
Meine beiden Töchter sind geschützt, hoffe ich. Ihr mangelndes Englisch beschützt sie davor, die Quintessenz des Vorgetragenen zu verstehen. Nicht mal ansatzweise begreifen sie, worum es geht. Dafür sind sie zu sehr mit mir und meiner/unserer deutschen Welt verbunden.
Wir befinden uns in der Vacation Bibel School der Baptist Church, in der meine Gastfamilie Mitglied ist. Ich kenne die meisten Mitglieder seit 1985, den Pastor erst seit 2008. Seit er hier predigt, herrscht ein anderer Wind. Ein kalter, verurteilender. Schwule und Lesben sind augenscheinlich nicht erwünscht, Obama wegen seiner Nähe zu jenen verdammt. Und jetzt kommt auch noch das. Ein Tröpfchen mehr, das das Fass zum Überlaufen bringt.
Wir sind inzwischen an Station Drei, dem Basteltisch. Meine Kinder basteln eine Bibelbrille. Mir schwant fürchterliches, aber so richtig verstehe ich den Sinn und Zweck des ganzen Geklebes und Geschnipsels nicht. Aber ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, die Lösung folgt stehenden Fußes.
Station vier ist in einem anderen Raum. Hier sehen wir Menschen, im Hintergrund Dinosaurier und andere Tiere. Eine Zeitleiste der Entstehung der Erde hängt an der Wand, Tag 1 bis 7.
Die Tochter des Pastors erzählt uns, dass Gott die Erde nach einem Plan erschaffen hat. ALLES auf Erden wurde danach geschaffen. Der Urknall, die Zufälligkeit der Entstehung, das Alter der Erde werden ins Lächerliche gezogen.
Auf einmal klopft es an der Tür, Professor In-to-it-all, dargestellt vom Sohn des Pastors, stolpert in den Raum und versucht uns von der Evolutionstheorie zu überzeugen. Hej, Bro, mich musst Du nicht überzeugen, ich bin voll auf Deiner Seite. Ich merke, wie ich angesteckt durch mein Umfeld, am liebsten jeden noch so übertrieben betonten Satz mit AMEN bejahen möchte. Ich halte mich zurück und beobachte die Kinder.
Mein Neffe horcht auf, als der “Professor” von den Millionen von Jahren spricht, die vergangen sind, seitdem die Dinosaurier auf der Erde herrschten. Er ruft begeistert: Ja, das stimmt. Das habe ich in der Schule gelernt. Ein böser Blick von unserer Gruppenleiterin kann ihn nicht aufhalten, er sprudelt über vor Mitteilungsbedürfnis. Erst als sie ihn nach hinten in die Ecke stellt, ist er ruhig, allerdings sehr verwirrt. Er hat keine Ahnung, was er gemacht hat. Ich lächel ihm zu, komme mir aber ganz schön verlogen vor, dass ich ihn nicht lauthals verteidigt habe.
Ich höre nicht mehr wirklich zu, sondern überlege, wie ich, wie wir eigentlich in diese Situation hinein geschlittert sind.
Gerade wird vorne Professor In-to-it-all aufgeklärt. Im Chor sagen ihm die Kinder, dass die Erde 6000 Jahre alt ist, die Dinosaurier MIT den Menschen gelebt haben, alles in sechs Tagen entstanden ist. Und warum wissen die Kinder das? Ja, richtig, jetzt kommt die Auflösung des Rätsels von Station Drei: Weil sie ihre Bibelbrille aufhaben. DIE Brille, die dafür sorgt, dass man die Erde, die Welt in Gottes Sinne versteht und interpretiert und sich nicht von diesen planlosen, wirren Professoren und Wissenschaftlern blenden lässt.
Eins ist klar, ich werde meinen Kindern gleich erklären müssen, was Sache ist. Sie sind geschockt, irgendwie aber auch amüsiert. Im Anschluss spielen sie dann gemeinsam mit den anderen Kindern ein Spiel. Dabei lernen wir, dass Fische keine Tiere sind, denn die wurden erst am nächsten Tag erschaffen, die Tiere jetzt. Ich glaube, ich muss das nochmal in der Bibel nachlesen.
Als meine Kinder zuhause ihre Brillen rumliegen lassen und sie langsam auseinander fallen, schweige ich auch, allerdings mit einem Lächeln auf den Lippen.
Text/Bild: Barbara Loelf


20. Juli 2012 um 10:41 Uhr
“Ich glaube, ich muss das nochmal in der Bibel nachlesen.”
Ja, das ist ein guter Vorsatz. Gott hat die Erde und das Universum nur älter aussehen lassen, als 6.000 Jahre. Wie das geht, sieht man ja bei Keith Richards. He was born in a crossfire hurricane.
20. Juli 2012 um 10:56 Uhr
Es ist eben ein einfach zu regierendes Volk, oder?
20. Juli 2012 um 11:31 Uhr
DAS Foto. Wie cool is´n das?
20. Juli 2012 um 16:31 Uhr
Der Deutsche: Wir sind so ehrlich wie möglich und so höflich wie nötig.
Der Amerikaner: Wir sind so höflich wie möglich und so ehrlich wie nötig.
20. Juli 2012 um 22:38 Uhr
So, habe den Beitrag noch einmal gelesen.
Und?
Die Meinung vom ewig kritischen Atheisten Daniel: einfach göttlich geschrieben!
21. Juli 2012 um 06:47 Uhr
Ich warte noch immer auf den Blitzschlag, der mich treffen wird, weil ich am letzten Mittwoch nur in der Kirche war, um das Foto schiessen zu koennen.
*duck*
So ganz nebenbei hab ich dabei gelernt, dass ich als Frau natuerlich in gleicher Position soviel verdienen darf wie ein Mann, zuhause mich aber brav MEINEM Mann unterzuordnen habe.
GUUUT, dass ich da war. Haette ich glatt anders gemacht.