Scherben von Porzellan
Diese Nummer werde ich wohl nie wieder brauchen. Verletzt knüllt er eine Notiz in seiner Hand zusammen und will sie schon weg werfen. Moment noch! Sie war doch immer die, die mich wärmte, wenn der Ostwind wieder einmal die Kälte brachte. Die, die mich kämpfen ließ. Die, bei der ich nie nach dem Preis des Glücks fragte, weil ich genau wusste, was ich bekommen würde. Und nun? Die treueste Begleitung meines Lebens kann ich nicht einfach ziehen lassen. Oder doch?
Er hatte eigentlich alles erlebt. Die vergangenen Jahre gingen rasant vorbei. Ab und zu lehnte er sich in einer stillen Minute an eine nackte Schulter. Sein Herz blieb dabei ganz bei ihm. Immer hatte er die Dinge im Griff. Und dann stand plötzlich sie vor ihm. Ihr Blick ließ ihn nicht mehr los. Ihre Küsse waren weicher und wärmer, als je ein Kuss zuvor.
In der Zeit, in der er sie weder hört, noch sieht, ist sie weit weg. Doch sobald sie wieder vor ihm steht und ihn mit ihren leuchtenden Augen anlächelt und ihn küsst als gäbe es kein Morgen mehr, fühlt es sich an, als ob es nie anders war und nie mehr anders sein soll.
Der frühe Morgen ist noch umhüllt von der Dunkelheit, als dicke Tränentropfen an das Rollo vor seinem Fenster trommeln. Seine Augen sind noch fest verschlossen. Ein Lied erfüllt den Raum. “Du bist meine Stimme, wenn ich nicht sprechen kann. Du bist mein Auge, wenn ich nicht sehen kann….”.
Ein warmer Schleier umhüllt seinen nackten Körper und ermutigt ihn mit sanfter Stimme die Augen zu öffnen. Neben ihm liegt heute nicht die Gewohnte.
Wunderschöne große blaue Augen und ein Mund, der so perfekt ist, lächeln ihn an und eine warme Stimme wünscht ihm einen guten Morgen.
“Wer bist Du und was tust Du hier?” flüstert er leise und mit dem Gefühl einer tiefen Vertrautheit. “Ich weiß nicht, warum Du sie hier rein gelassen hast, aber sie wird Dir nie den Weg Deines Herzen zeigen können. Vielleicht wird sie Dich zur Zufriedenheit führen, aber Dir nie das absolute und vollkommene Glück zeigen. Ich habe die Angst fort gejagt weil ich gespürt habe, dass Du Dich selber wieder spüren willst. Wir gingen so lange Hand in Hand und heute Nacht stand Deine Tür einen Spalt weit auf.”
Scherben von Porzellan liegen zerstreut auf dem Boden. Er sammelt hastig das Münzgeld auf und verstaut es in einem kleinen Säckchen. Er eilt. Seine Beine fühlen sich schwer an, aber sie lassen ihn dennoch schneller laufen denn je. Sein Anliegen ist wichtig, dringend, unaufschiebbar.
Zitternd kramt er eine Münze heraus. Kaum angekommen schmeißt er das Säckchen klimpernd auf die Ablage, wirft das Geldstück ein und wählt die Nummer, die auf dem zerknitterten Stück Papier in seiner Hand notiert ist. Sein Herz pocht heftiger denn je.
“Ich habe mich geirrt! Ich dachte, ich könnte ohne Dich glücklich werden. Aber nun spüre ich sie wieder, die tiefe Sehnsucht nach Dir. Ich will flüstern und schreien. Ich will lachen, bis ich Bauchschmerzen bekomme und will weinen, ohne die Hoffnung zu verlieren. Ich will mit Dir zusammen weiter gehen, Hand in Hand und jeden Tag auf’s Neue mich für Dich entscheiden.”
Er legt den Hörer auf und fühlt sich plötzlich leicht wie lange schon nicht mehr. Er weiß, dass nun etwas Neues beginnen wird. Das Glück mit der Liebe an seiner Seite.
Text: Anita Hendrich

