Regentropfen, die leise an mein Fenster klopfen
Die letzten Tage waren nicht unbedingt nennenswert. Sagen wir so, ich kämpfe mich zur Zeit einfach zurück ins Leben. Donnerstag Abend, nachdem ich es wirklich geschafft hatte ein paar Seiten für meine Hausarbeit zu schreiben – STOLZ – fuhr ich noch zu Peter, um nicht allein sein zu müssen und um meine spärlichen sozialen Kontakte zu pflegen. Es war wirklich witzig, denn wir können auch im nüchternen Zustand über die Welt herziehen. Wir tranken Wasser, schauten eine Schnulze und schmiedeten wieder Pläne, wie wir die Weltherrschaft an uns reißen könnten. Wir erbauten unsere Häuser mit unseren, natürlich halbnackten, Bediensteten. Für alles gab es Diener. Handtuchhalter/innen, Poolboys/girls, persönliche PostbotInnen, „in den Schlaf KraulerInnen“ Und und und.
Selbstverständlich hatten wir auch einen super tollen Job, waren angesehen und glücklich. Ein Hoch auf die Fantasie. Unser Leben wird in Zukunft einfach fabelhaft werden. Wer braucht schon körperliche Nähe und Zuneigung, wenn man Geld wie Heu hat? Mit fröhlichem Herzen und bunten Bildern im Kopf machte ich mich gegen Mitternacht auf den Heimweg. Hätte ich mal lieber die Treppe genommen. Aber nein, Madame ist sehr bequem und so nutzte ich den Fahrstuhl. Böser Fehler. Peter wohnt in einem Mehrfamilienhaus direkt unter dem Dach und der Weg hoch und runter ist sehr beschwerlich. Ich kam genau eine Etage weit, dann gab es einen Ruck und das Ding blieb stecken! Das Licht ging aus, die Notbeleuchtung an und nichts rührte sich mehr. Oh mein Gott. Ich würde jämmerlich verhungern und ersticken. Panik machte sich in mir breit und ich sah wie man mich 4 Tage später auf einer Leichenbarre bei strömendem Regen aus dem Haus trug. Zu meiner Beerdigung würden nur wenige erscheinen, Karrieretermine sind nun mal wichtig. Es würde wieder regnen, denn bei Beerdigungen regnet es ja immer, und auf meinen Grabstein steht: „Pechmarie ist zu Hause, Gott hab Dank“
Hilfe! Ich war doch noch viel zu jung zum sterben! Erstmal eine rauchen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Noch ein Fehler, ich bemerkte, dass der Rauch nicht abziehen kann und ich stand im Nebel. Jetzt würde ich wohl doch nur 3 Tage brauchen, um zu ersticken. Mein Handy hatte in dem blöden Stahlkasten keinen Empfang, was nun? Der Notknopf, natürlich! Aus Filmen kennt man das ja, alle drücken immer den Notknopf und in Windeseile kommt eine ganze Armee von Feuerwehrmännern, um einen zu retten.
Meine Beerdigung rückte vor meinem geistigen Auge ein paar Jahre nach hinten. Beherzt drückte ich das kleine Ding. Es passierte…nichts. Panik! Ich drückte noch einmal. Dann endlich meldete sich eine verschlafene männliche Stimme. Die Pferde gingen mit mir durch, und ich schrie: „Holen Sie mich hier rauuuus!!“ Meine Fassung war dahin und ich heulte los. „Junges Fräulein, nun bleiben Sie mal ganz ruhig!“ Na der hatte gut reden, er saß in Freiheit am anderen Ende! Er erklärte mir im altväterlichen Ton, dass bei genau diesem Fahrstuhl öfter Notrufe eingingen und dass er nächste Woche komplett überholt werden würde. Schön! Er meinte, er würde spätestens in einer halben Stunde wieder anspringen. Jemanden zu schicken wäre also nicht notwendig. Ich müsste nur ein wenig Geduld haben und dann könnte ich bald wieder raus. Geduld ? Ich? Der Film, der da grad lief, war wirklich schlecht!
Zum Glück war ich bei Peter noch einmal auf der Toilette, eine volle Blase hätte mich, glaube ich, durchdrehen lassen. Und nun raten Sie mal was weiterhin passierte? Ich unterhielt mich mit dem alten Herren, im übrigen trägt er den Namen Walter, ist 60 und freut sich auf seine Rente. Er will nach Thailand auswandern, da seine Frau schon vor 10 Jahren verstorben ist und er doch gern jemanden hätte, der ihn im Alter pflegt. Ach neee! Nachdem ich mir seine Lebensgeschichte anhörte, ich dem lieben Gott dankte, in der heutigen Zeit jung zu sein, ging plötzlich das Licht an und der Stahlkasten setzte sich in Bewegung!
Oh Danke! Ich verabschiedete mich von Walter, wünschte ihm noch viel Glück bei seiner Katalogfrausuche und rannte hinaus. Nie aber auch niemals wieder würde ich mit einem Fahrstuhl fahren! Ich raste nach Hause, um mich erschöpft unter meiner Bettdecke zu verstecken. Das würde mir wirklich keiner glauben, sowas passiert doch sonst wirklich nur im Film. Oder mir.
Nach diesem Erlebnis entschied ich mich, am Freitag nicht viel zu tun. Ich hielt mich hauptsächlich in meiner Wohnung auf. Man muss ja das Schicksal nicht unbedingt herausfordern. Wer weiß, was noch kommen würde? Herunterfallende Dachziegel oder Fahrschüler, die die Kontrolle über das Auto verlieren? Nein Danke. Dank Internet und Brötchen vom Vortag verbrachte ich gestern eine recht gute Zeit. Ich schrieb ein paar Zeilen an meiner Hausarbeit, doch die meiste Zeit trieb ich mich in den Weiten des WWW rum. Ich schrieb mich mit dem einen oder anderen netten Herren, verlor aber auch bald die Lust daran. Alles Typen die wohl verheiratet und sabbernd hinter dem Rechner hingen, auf der Suche nach ein wenig Abwechslung des tristen Alltagsgrau. Außerdem hatte ich mir ja geschworen, der Männerwelt abzusagen und mich auf mich zu konzentrieren. Am Nachmittag holte ich mir die kostenlose Wochenzeitung aus dem Briefkasten und begann zu schmökern. Komischerweise blieb ich bei den Kleinanzeigen hängen. Aha, Alfred, gerade mal schlappe 77 Jahre jung, sucht eine rüstige Rentnerin, um den 2. Frühling zu erleben. Sie sollte gerade in sexueller Hinsicht aufgeschlossen sein. Hilfe ! In was für einer Welt lebe ich? Sogar die Alten treiben es noch dreckig und versaut! Ahhhhh!!
Dann entdeckte ich eine kleine unscheinbare Anzeige eines Geschäftsherren, der nette Kontakte in meiner Stadt sucht, da er regelmäßig in der Gegend sei. Fragen Sie mich bitte nicht, was mit mir los war. Ich öffnete mein Emailkonto und schrieb ihm ein paar Zeilen. Weiter müssen wir jetzt nicht darauf eingehen, ich fühle mich gerade peinlich berührt und sehr verzweifelt.
Abends fiel mir dann doch die Decke auf den Kopf und ich hüpfte noch einmal schnell zu meinem guten Freund Marc. Er wohnt nur ein paar Häuser weiter und ist sozusagen ein Überbleibsel meiner Beziehung. Eigentlich ein guter Freund von meinem Ex, doch auch mir sehr ans Herz gewachsen. Seit der Trennung hat auch er nur noch wenig Kontakt zu ihm. Gut so, bleibt mehr für mich. Marc ist ein Unikat. Ein kluger Kopf, der was mit Computern zu tun hat, doch in weltlichen Angelegenheiten auch allein. Wieder drehte sich das Gespräch um verflossene Lieben und Einsamkeit. Komisch, als Single trifft man auch nur auf verzweifelte Singles und rottet sich zusammen, wie eine Armee kurz vor dem Angriff. Wir stellten fest, dass wir es schon schwer hatten und tranken Wasser mit Billigsirup aus dem Supermarkt. Manchmal reichen eben kleine Dinge, um einen zufrieden zu stellen. Wir beschlossen, falls wir gar niemanden finden würden, uns zu betrinken und übereinander herzufallen wie die Tiere. Falls es uns im Nachhinein peinlich sein sollte, können wir es auf den Alkohol schieben. Nach diesen Worten ging ich nach Hause. Mir fiel auf, dass ich wenig an Mr. X gedacht hatte. Gut so. Er hatte es nicht verdient. Ich krabbelte in mein Bett und konnte mir doch nicht verbieten, beim Einschlafen an ihn zu denken. Die Träume waren wieder schillernd bunt und er gestand mir auf tausend unterschiedliche Arten seine Liebe. Merken: Nie wieder Kai Pflaume schauen.
Nun ist ein neuer Tag angebrochen und ich fühle mich eigentlich recht gut. Ich habe sogar Pläne! Am Nachmittag ist der Umzug meiner Freundin Magda. Am Abend werde ich wohl so tot sein, dass heute nicht mehr viel passieren wird und ich froh sein werde, mich nach einer heißen Dusche in mein Bett zu verkriechen. Und somit wäre das Wochenende auch schon vorbei. Jippi !!
Text: Tante Glubschie
