Poetry Slam
Meine Eltern sind weltoffen und den modernen Dingen zugeneigt. Mutter kennt alle Superstars und Supertalente seit der Geburt Dieter Bohlens. Vater zählt zu den Early Adoptern. Davon verstehe ich nichts. Habe mir aber erklären lassen, dass diese Menschen bei Computern, Kameras, Fernsehern, Dolby Surround Home Entertainment Anlagen und Mobilen Telefonen immer das aktuelle Modell haben müssen, sonst beginnt die Haut zu jucken. Oder so.
So weltoffen und modern meine alten Herrschaften auch sind – von Poetry Slam haben sie noch nie etwas gehört. Dieses Geständnis legten sie mir unlängst unter den Tannenbaum oder besser gesagt auf den Bratwurstteller, als ich bei der traditionellen Nahrungsaufnahme am Heilig Abend von meinem Triumph beim Mano-Slam in Kreuzberg erzählte. „Was für Schlamm?“, mischte auch Großmutter munter mit. Sie ist über 80 und verträgt mehr Bier als ich. Aber Poetry Slam hat auch sie noch nie gehört. Dabei wird auf diesen Slams ordentlich was getrunken. Sind Freibiere doch häufig die einzige Antrittsgage für die teilnehmenden Poeten. Bei einigen Veranstaltungen werden zum Sterni auch noch Haferkekse gereicht. Das ist unangenehm für Stimmbänder und Stuhlgang.
Poetry Slams kommen wie so vieles aus Amerika. Wäre Goethe schon auf die Idee gekommen, hieße die Veranstaltung jetzt Dichterschlacht. Ist er aber nicht. Wie schade. So blieb es einem mir unbekannten Menschen aus Chicago vorbehalten, 1986 den allerersten Poetry Slam in irgendeiner Kaschemme zu veranstalten.
„Mensch, Junge, jetzt rede mal nicht um den heißen Brei rum oder hol mir noch ein Bier, scheint ja länger zu dauern“, nörgelt Oma. Alte Menschen werden ja wieder zu Kindern, heißt es landläufig. Also bringe ich ihr zum Bier auch noch was zum Spielen. Einen Zauberwürfel, den hat sie schon in den 80ern nie zusammenbekommen. Damit ist sie jetzt beschäftigt und ich kann meinen gespannt auf der Wurstpelle kauenden Eltern endlich weiter berichten, wie man eigentlich auf die Idee kommt, bei so einem Poetry Slam mitzumachen. Dafür muss man sich doch bestimmt qualifizieren oder eingeladen werden? Oder kann da jeder teilnehmen? Ich spüre, wie sich eine leichte Enttäuschung auf die Gesichter schiebt, wie der Triumph sich selbst entzaubert, der Lorbeerkranz von der Platte rutscht. Ein Sieg bei einem Wettkampf wo jeder Hinz und Kunz mitmachen kann? Ist ja als wenn bei der Olympiade plötzlich der Ruderachter auf die Idee kommt: „Ach, diese Paddelei immer. Macht so Schwielen an den Händen. Lasst uns mal beim 100 Meter Lauf starten. Geht auch schneller vorbei.“
Das denkt sich so mein Vater. Ich kann es genau sehen, als ich ihm erkläre, dass jeder Hinz und Kunz sich anmelden kann. Hauptsache er bringt einen eigenen Text mit und kann diesen einigermaßen verständlich innerhalb einer bestimmten Zeit vortragen. Meist sind es fünf Minuten, manchmal auch sieben. Aber immer zu kurz für Frauen. Deshalb nehmen meist deutlich mehr Männer teil. Wobei das Wort Mann hier keinen Aufschluss über die Altersstruktur gibt. Ich habe mich beim Insel-Slam in Treptow gefühlt wie der Quoten-Senior. Einen Slammer begrüßte der fröhliche Moderator enthusiastisch mit den Worten: „Seit gestern darf er legal Alkohol trinken.“ Ich habe dem jungen Freund zugerufen, dass ich schon seit 22 Jahren legal Alkohol trinke und es immer noch schmeckt. Er soll sich also von zwischenzeitlichen Übelkeiten nicht aus dem Trinkkonzept bringen lassen.
„Und was lest ihr da so vor, bei diesem Schlammdingens?“, meldet sich Großmutter, die mit der leeren Bierflasche winkt und durch einen ulkigen Spaß von Hekate den Zauberwürfel fertig gedreht hat. Alle grinsen vergnügt, als sie hören, dass junge Menschen selbst Gedichte schreiben und diese auch noch vortragen. Vor Publikum. Ja, tatsächlich. Junge Menschen reimen und tragen vor. Klingt manchmal wie Bushido ohne Musik. Stakkato-Style. Kommt aus Amerika und wird seit 1986 von Generation zu Generation kopiert. Das Publikum johlt, wenn der Reimer 24 Zeilen ohne einen Atmer in den Saal rezitiert, so schnell, dass nur jedes vierte Wort verständlich ist. Aber es hat Melodie und ist irre cool.
Was würden die Literaturstunden in deutschen Klassenzimmern aufgelockert, dürfte die Schülerschar den ERLKÖNIG im Poetry-Slam-Style vortragen. Da geht die ellenlange Ballade auch viel schneller über die Bühne. Ich erinnere mich an die Pein, wenn ein Schüler nach dem anderen nach vorn an die Tafel latschte und dasselbe Gedicht vortrug. Der Großteil vergaß ab Strophe zwei den kompletten Text. Manche nuschelten nur für sich, aber ich kann ja gut mit Autisten. Und die Streber legten dermaßen viel Betonung in den Text, dass selbst das kleine Wörtchen UND wie eine kleine weiße Friedenstaube aus dem Mund flatterte. Am liebsten mochte ich die Mädchen, die rote Bäckchen und rote Flecken am Hals bekamen sobald sie nach vorn gerufen wurden. Diese Flecken hatten sie nämlich nicht nur beim Gedichtevortrag…
„Du machst also auch Gedichte, Junge?“ Jetzt sieht Großmutter besorgt aus. Auch weil Mutter mitteilt, dass die Biervorräte für dieses Weihnachtsfest alle sind. Nein, Schnellsprech in Reimform ist für ältere Slammer natürlich nichts. Wir lesen Geschichten vor. Einigermaßen betont, einigermaßen witzig, hin und wieder traut sich auch jemand mit einem ernsthaften Thema ans Mikro. Da geht es dann meist um die Rettung der Welt. Das muss das Publikum mögen. Denn nur das Publikum entscheidet, wer gewinnt. „Wie, gibt’s da keine Jury?“, beginnt Vater das letzte Gold von meinem Siegerpokal zu kratzen. Doch schon, aber nicht so eine mit grauen Bärten, Doppelnamen und wichtigen Titeln. In der Vorrunde treten alle gegeneinander an. Meist wird eine zufällig ausgewählte Jury aus dem Publikum gebildet, die dann jeden Auftritt von 1-10 benotet. 1 ist miserabel, 10 die Bombe. Habe ich noch nie bekommen. Die drei besten kommen ins Finale. Dort entscheidet dann die Laustärke des Applauses über Bronze, Silber und Gold. Will natürlich keiner, wie schon der Grandfather der deutschen Poetry-Szene Wolle Petry dichtete.
„Was gabs denn für den Sieg?“ Die Februar-Ausgabe vom Salbader. Köstliche Kurzgeschichten in einem gelben Heft, das prima in die Arschtasche passt. Liegt jetzt ausgelesen im Schrank. „Na das ist doch mal praktisch. Diese Pokale stauben ja immer nur ein.“ Ich glaube, Mutter hat Poetry Slam verstanden.


