Pensionopolis
“Ausweis. Na hopp, hopp, Freundchen.” Meine Taschenlampe mit Energiesparleuchte blendet den Vermummten. Er trägt Handschuhe, eine Kapuze und hat seinen Mund durch einen Baumwollschal unkenntlich gemacht. Aber nicht mit mir! Flashmobs werden seit Januar 2012 hier schon im Keim erstickt. Ich betäube ihn mit Reizgas und zücke triumphierend meinen Füllfederhalter aus dem Lederetui. Notiere Name und Anschrift und Augenfarbe und Körpergröße in meinem Block.
Am nächsten Vormittag. Wachablösung bei der Bürgerwehr „Altstadt nur für Alte“. Endlich kann ich die Ergebnisse meiner Nachtpatrouille in die Datenbank eingeben. Schreibe alles gewissenhaft auf und sortiere die Karteikärtchen alphabetisch im Registerschrank ein. Ordnung ist das ganze Leben. Der Delinquent ist noch nicht erfasst. Scheint zugereist zu sein. Vermutlich Student. Ich rufe bei meinem Kontaktmann im Landtag an: „Erwin, wir müssen dringend mit dem Wissenschaftsminister reden. Die Studenten lungern hier rum und verschandeln das Stadtbild. Die dunklen Kapuzenshirts passen nicht zu unseren bunten Blumenkübeln. Diese jungen Menschen haben viel zu viel Zeit. Das Bachelorstudium sollte auf vier Semester gestrafft werden. Bekommst du das hin? Großartig Erwin. Ich revanchiere mich demnächst mit einer kühlen Dunklen.“
Selbst die schönsten zwölf Stunden Freiwilligendienst gehen mal vorüber. „Schönen Feierabend, Kamerad“, verabschiedet mich Achim, ein ehemaliger Paragrafenjockey, als ich meine Walther P99 in der Waffenkammer abgebe. „Übrigens: Die Uzis und die Panzerfäuste aus Leningrad sind eben eingetroffen.“ Ich gebe diese gute Nachricht sofort an den wachhabenden Offizier an der Stadtmauer weiter. „Kölnisch Wasser an Rotkäppchen. Kommen. Lieferung positiv. Kommen. Schießbefehl gilt weiter. Kommen. Niemand reinlassen. Kommen. Richtig. Alle unter 60jährigen sind Stadtfeinde. Over and out.“
Zufrieden werfe ich meinen Rollator von Volvo an. Fotografiere auf dem Heimweg alle Hundehaufen. In Makroaufnahme. Seit einem Massenboykott vor 23 Jahren hat unsere Bürgerwehr die einzige Zeitung gezwungen, jeden Tag die Hundehaufen als Fahndungsfoto zu veröffentlichen. In die Redaktion haben wir einen V-Mann eingeschleust. Er hat es bis an die Spitze geschafft und baut die Zeitung nach unseren Wünschen um. Als erstes wurde die Jugendseite abgeschafft. Den freien Platz teilen sich nun der Seniorenbeauftragte, der Karnevalsverein und die Friedhofsverwaltung.
Mache einen Abstecher zu den Stadtwerken. „Wie war die Nacht, Kollegen?“ Mir wird der Lagebericht vorgelegt. Aha, habe ich es mir doch gedacht. Immer wieder diese Bastarde, die mitten im Wohnviertel grauenhafte, laute Musiker einladen. Aber wir haben Gegenmaßnahmen ergriffen. In jeder Wohnung unserer 50.000 Mitglieder gibt es einen Panikbutton für Ruhestörungen, die nicht von Volksmusik ausgeht. Damit haben wir eine zentrale Überwachung unserer 51.000 Einwohnerstadt. Wird der Knopf betätigt, drehen die Stadtwerke den Ruhestörern einfach den Strom ab. Ärgerlich ist, dass dieses System nicht auf Spielplätzen greift. Hier sind wir in Gesprächen mit dem Hundesportverein.
Treffe mich im Mc Donalds mit anderen Aktivisten unserer Bürgerwehr „Altstadt nur für Alte“. Bestelle mir wie immer ein Käsebrotemenü mit Saure Gurken Sticks und Fencheltee. Wir besprechen die letzten Details für die Kleingartenolympiade, den Wettbewerb „Schönster Balkon“ und entscheiden, dass unser geheimes Abschiebelager auf einem ehemaligen Fabrikgelände mit Starkstrom ausgerüstet werden sollte. Letzte Nacht sind wieder fünf Neuzugänge eingetroffen. Sie wurden mit Gitarren, Blockflöten und Akkordeons vor dem Rathaus aufgegriffen. Angeblich Musikschüler. Naja. Dem werden wir mal mit unseren Methoden nachgehen. Ansammlungen von mehr als drei Personen, die noch nicht 30 Jahre alt sind, gelten laut Stadtsicherheitssatzung als unangemeldeter Flashmob. Flashmobs sind ohnehin nur mit einem Flashmobverantwortlichen zulässig. Dafür ist ein Studium Generale nicht unter 24 Semestern notwendig, mit einer Abschlussprüfung vor den Grauen Panthern.
Kurz vor Acht. Mache mir einen Kasten Bier auf, lege mein Kissen aufs Fensterbrett und genieße den ruhigen Ausblick. Mensch, bin ich stolz auf unsere sauberen Bürgersteige, die in diesem Moment vollautomatisch hochgeklappt werden. Gleichzeitig nehmen die 360-Grad-Scheinwerfer ihre Arbeit auf, die bis morgens um 6 Uhr für Ordnung, Sicherheit und Ruhe sorgen. Zeit für einen spannenden Fernsehabend. Ich entscheide mich für die Übertragung der Stadtratssitzung. Heute geht es um die Festsetzung der Strafsteuer für Schwangere. Es wird sehr laut diskutiert. Liegt daran, dass seit einem Bürgerentscheid vor drei Jahren nur noch Bürger gewählt werden dürfen, die das 70. Lebensjahr erreicht haben. Das Wahlalter selbst wurde aus humanitären Gründen nur auf 58 Jahre angehoben. Auch Frauen dürfen wählen.
Es klingelt. Bin wohl vor dem Fernseher eingeschlafen. Der Stadtrat tagt immer noch…


28. Januar 2012 um 14:50 Uhr
junge, junge, sind wir schon auf dem Weg dahin? die SZ Artikel zum Thema beunruhigen mich ein wenig. da werden Meinungen abgedruckt die gerade dazu dienen die Älterne genau in eine solche Richtung, wie es diese Geschichte zeigt, zu polarisieren…ist die Kluft doch schon so groß, das Fritz vermutet, sie hätten Handgranaten mitgebracht.? ich kanns noch gar nicht recht fassen was da passiert. Viele werden darüber schmunzeln, aber ich glaub der Stachel sitzt schon sehr tief. und es will ihn auch keiner rausziehen.
die Geschichte find ich eine Antwort die zum weiteren nachdenken bewegt, danke
28. Januar 2012 um 16:39 Uhr
Verrückt… Ich dachte, meine Geschichte wäre lediglich eine überspitzte Zukunftsvision. Nach dem bereits angesprochenen Leserbrief eines real lebenden Einwohners in der real existierenden Stadt Görlitz, bin ich mir unsicher, ob wir nicht schon tiefer in der Sch*** stecken.
Hier der Leserbrief (keine Satire, der Mann meint es ernst und ich hoffe, er hat nicht den Schlüssel zur Waffenkammer…)
Störungen der öffentlichen Ordnung
Es ist eine grobe Zumutung, Lesern mit so einem aus englischen Begriffen zusammengewürfelten Wort wie „Flashmob“ unkommentiert zu konfrontieren. Wir leben in Deutschland und in Europa. Deshalb wäre mindestens die Herleitung des Wortes, das ja eigentlich eine besondere Form des aufgebrachten Pöbels beschreibt, angebracht.
Ich weise die oft gehörte Behauptung von mir, Englisch sei die Sprache der (deutschen) Jugend. Genau das ist sie nicht. Ich hatte das Glück, viele Jahre englische Titel vor Publikum zu singen, und habe mich entsprechend intensiv mit dieser Sprache beschäftigt. Aber wenn ich Jugendliche, die noch nicht einmal mindestens ein halbes Jahr im englischsprachigen Raum gelebt haben, mit einfachen englischen Sätzen konfrontiere, sind sie ausnahmslos und regelmäßig überfordert. Dagegen kenne ich sehr viele Menschen zwischen 30 und 70 Jahren, die hervorragend in Englisch kommunizieren können.
Aber zurück zu den Ereignissen während der Ratssitzung: Warum spricht Herr Dr. Rolf Weidle „von einem skandalösen Polizeieinsatz“? War die Demonstration angemeldet? War für Herrn Oberbürgermeister Paulick erkennbar, dass es sich nicht um einen verdeckten Terrorüberfall auf die von ihm geleitete Stadtratssitzung mit gewählten Abgeordneten handelte?
Immerhin bestand die sogenannte Zwickauer Terrorzelle auch aus Jugendlichen. Über ihr Vorgehen lassen sich weder die Ermittler noch ihre Auftraggeber bisher nicht aus. Deshalb sind Parallelen durchaus zu vermuten. Wie, wenn hinter den vorgehaltenen Zetteln Handgranaten versteckt worden wären?
Und wenn Mirko Schultze von der Linkspartei, wie berichtet, vom OB wissen will, wer die Polizei gerufen habe, scheint ihm diese logische Maßnahme bei Störungen der öffentlichen Ordnung fremd zu sein. Eher wirkt das so, als sei er eingeweiht gewesen. Hat der Verfassungsschutz also recht, wenn er Abgeordnete der Linken observiert?
Ich hoffe sehr, dass sich bei gut recherchierter Darstellung der Vorgänge ein völlig anderes Bild ergibt.
Friedrich Rothe, 02828 Görlitz