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Udo Tiffert

In intakter Umgebung

13. Oktober 2011 von

Starker Mann

Ich betrete eilig meine Fernsehstube, weiß: Sportsendung hat bereits begonnen. In der treten Männer mit ihren Füßen nach einem Ball oder den Füßen des anderen oder spielen beseelt mit Einmal-Berühren, mit Raffinesse, Effet und Mannschaftsgeist begnadete Konter… Mein Sessel freut sich schon auf mich. Ebenso direkt vor’m Sessel der Fußhocker. Ich greife geübt in Richtung Fernbedienung, entdecke aber auf der Fußbank eine Hornisse.

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Kann man so sehen

Eins, Zwei, Drei – Zahlenbrei

12. Oktober 2011 von

Mord

Mord. Tat. Drei Buchstaben. In erster Linie bedeutet Mord gleich Ende. Vier Buchstaben, sowohl als auch. Vordergründig natürlich einem Ziel geschuldet. Das Motiv, der Zweck. Fünf Buchstaben. Und eine Schlagzeile wert, bemisst man diesem einen besonderen Umstand. Zu viele Buchstaben. Weiterlesen →

Danielle Höfler

Die Schritte dagegen

11. Oktober 2011 von

We are all humans.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir

Es ist nicht leicht, ein schwuler Mann in einer Kleinstadt zu sein, besonders in einer, in der Homosexualität von Teilen der Bevölkerung nicht gerne gesehen wird; die dazu tendieren den vermeintlichen Angriff auf christliche Grundwerte beziehungsweise ihre Männlichkeit dementsprechend zu sanktionieren, manchmal auch mit roher Gewalt. Ganz besonders schwer ist es, ein alternder Schwuler in einer solchen Kleinstadt zu sein. Was schon in Großstädten für viele Männer Verzweiflung und Leid bedeutet, führt in Städtchen zur völligen Vereinsamung. Besonders, wenn man einer Generation angehört, in der man sein Schwulsein unter viele aufgesetzte Schichten Kernigkeit verbergen musste, weil Homosexualität als psychische Aberration oder als Verbrechen galt.

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Hans-Albrecht Bittner

Medizin heilt manche Wunder

10. Oktober 2011 von

Waffenpsychologischer Gutachter

Als Terminator hat man es nicht leicht. Sowieso nicht, wenn man dazu noch krank ist, denn auch das kommt vor. Meist sind es nur kleine Einschränkungen wie leichte Gelenksteifheit, Schmiermittelinkontinenz oder dass, aufgrund eines geringfügigen Missverständnisses, die Schädeldecke in Teilen oder auch komplett abhanden gekommen ist. Das ist alles reparabel und kurierbar und insofern nicht problematisch. Wenn allerdings und dazu noch an entscheidenden Stellen ein paar Schrauben locker sind, ist ganz schnell Schluss mit lustig, dann macht der schönste Krieg keinen Spaß mehr. Dann muss ein Terminator zum Arzt.

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Aus einer anderen Welt

Kleine bunte Bändchen

6. Oktober 2011 von

Flugreisen sind, nicht anders als solche mit der Bahn, ein Quell reiner Heiterkeit. Während auf der Schiene häufig das fachstarke Personal in der Befolgung merkwürdiger Dienstanweisungen das komische Element bedient, sind es an Bord und in den Wartesälen der internationalen Luftfahrt die Passagiere, welche näher zu betrachten nicht nur den Kolummnisten reich beschenkt.

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Fahrtrichtung rechts

Hahne-Büchen

5. Oktober 2011 von

Büchen

Es gibt Bücher die nicht nur gekauft, verschenkt und manchmal sogar gelesen werden, nein, es gibt Bücher deren inhaltliche Aussagekraft auf mich eine Wirkung haben, wie ein Kurkonzert in Bad Kreuznach an einem Nachmittag in der Klangmuschel des Kurparks. Zu diesen gebundenen Wortsammlungen gehören Bücher über das Reisen. Reiseberichte, Reisebeschreibungen und Reisereportagen in teilweiser tiefgreifender Emotionalität. Diese haben auf mich eine einschläfernde Wirkung. Nichts ist der plötzlichen Ohnmacht zuträglicher als ein Reisebericht. Weiterlesen →

Danielle Höfler, Gästezimmer

Vier weiße Schuhe

4. Oktober 2011 von

hard rain

Photo: Andreas Pohl

Eine meiner Lieblingstätigkeiten im Winter ist das Versorgen wilder bzw. ausgesetzter Katzen, die in den Hinterhöfen und Ruinen dieser Stadt Zuflucht gesucht haben. Überhaupt sind die alten Mauern eine Wildnis für sich: der aufmerksame Beobachter findet Mandarinenten, Marder, Falken, Eulen, Fledermäuse, Füchse oder Hornissen, die neben den üblichen Ratten und Mäusen sowie vielen anderen Tieren den kleinstädtischen Dschungel bevölkern. Diesen teilen sie sich mit den herrenlosen Katzen.

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Ingolf Griewank

Von Menschen und Wölfen

30. September 2011 von


Am 22. September 2011 las man in der Zeitung zwei Nachrichten nebeneinander: Gegen den Papst wurde anlässlich seines Deutschlandbesuchs demonstriert, ihm wurden vor allem mittelalterliche Moralvorstellungen vorgeworfen. Und in Georgia wurde nach 20 Jahren in der Todeszelle der vermutlich unschuldige Troy Davis mit einer Giftspritze getötet.

Versteht mich nicht falsch: Ich will weder den Papst oder die katholische Kirche für ihre verstaubten und falschen Ansichten zum Zölibat, zu Homosexualität oder Verhütung in Schutz nehmen. Ich will die lustigen, humorvollen Demonstranten der Schwulen- und Lesbenverbände nicht runtermachen. Ich will auch nicht die USA auf dieselbe Stufe stellen wie China oder Saudi-Arabien. Das tun sie eher selbst, indem sie sich in die Gruppe der letzten Staaten dieses Planeten einreihen, die tatsächlich regelmäßig noch die Todesstrafe ausführen. Ich will lediglich anregen, Verhältnismäßigkeit walten zu lassen.

Thomas Hobbes hat gesagt: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Der Staat definiert sich über seine Funktion, diesen Urzustand der Menschen zu beenden und dem einzelnen gewisse Garantien zu gewähren: Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, einen – damals noch kleinen – Kanon an Grundrechten.
Daraus ergibt sich, dass ein Staat, der einen seiner Bürger ermordet, kein Staat mehr ist, zumindest nicht für den zu Tötenden. Dieser Staat kann nicht nur die Grundgarantie des Lebensschutzes nicht mehr einhalten, er verstößt selbst gegen sie. Für den Menschen in der Todeszelle existiert aus staatstheoretischer Sicht kein Staat mehr. Er wird von Gewalttätern festgehalten, die ihn ermorden wollen und dies dann auch tun, weil sie stärker sind. Das ist beschämend für einen Staat und seine Politiker, es ist beschämend für die Vereinigten Staaten von Amerika, für ihre Politik und Justiz.

Der Papst hat dann im Deutschen Bundestag von einer neuen Ökologie des Menschen geredet. Ein, finde ich, ganz schlauer Gedanke. Wenn wir über Jahrzehnte hinweg – völlig zu recht – Naturschutz, Tierschutz, Artenschutz, Umweltschutz betont haben, wenn wir uns – völlig zu recht – um aussterbende Schweinswale und abgeholzten Regenwald gekümmert haben, dann dürfen wir daneben nicht den Menschenschutz vernachlässigen. homo homini lupus. Der Geist, der auch in der Natur erkennbar wird, hat Schwule und Lesben geschaffen, deswegen sind sie genauso zu schützen wie alle anderen, vielleicht auch vor Diskriminierungen durch die katholische Kirche. Unschuldig Verdächtigte, aber auch Diebe und Mörder sind Menschen und müssen offenbar bisweilen vor anderen Menschen geschützt werden und auch vor Staaten.

Ich kann nur sagen, der alte Jesus-Spruch „Liebe deinen Nächsten“ hilft weiter, auch wenn Du weder an Jesus noch an Buddha noch an Jahwe, Allah, Ishvara oder wen auch immer glaubst. Ich glaube, den können auch die Schwulen und Lesben unterschreiben. Und wenn noch ein paar andere mehr das täten, was wären wir dann für ein glücklicher, kleiner, blauer Planet.
Foto: Martina Kohlschmidt

Am schönen Niederrhein

Bring der Kuchen mit, Jung!

29. September 2011 von

Verlorenes Herz

Michael ist, sagen wir mal so, nicht ganz komplett. Innendrin. Er hat vor geraumer Zeit etwas von sich zurückgelassen, vielleicht an einer zugigen Straßenecke abgelegt, wo es der warme Herbstwind mit den ersten Blättern und einer hastig aufgerissenen Bäckertüte mitgenommen hat. Womöglich hat die Böe auch eine Erinnerung weggefegt an schnelle gierige Küsse, denen Stunden später wohlige Ermattung folgte, bevor der Schlaf eintrat, dem am Morgen danach der Gang zum Bäcker folgte. Zwei buttrige Croissants und eine geteilte Apfelplundertasche, dann ein gelogenes “Man sieht sich”, mehr blieb nicht von jener Nacht.

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Eine noch unbekannte Randgruppe

Männer von Ballettlehrerinnen

28. September 2011 von

Investor

Männer von Ballettlehrerinnen sind meistens nicht schwul.

Großer Fehler.

Männer von anderen Frauen hängen nach Feierabend im Baumarkt rum. Sie machen sich Sorgen, dass Hertha in vier Jahren schon fünf mal abgestiegen ist. Sie schrauben an ihrem Opel GT.

Männer von Ballettlehrerinnen nehmen Anrufe von besorgten Müttern entgegen, deren 3-jährige Töchter jetzt aber wirklich dringend ihre Karriere als Solotänzerinnen und spätere Prima-Ballerinen beginnen sollten.

Männer von Ballettlehrerinnen rufen andere, weniger besorgte Mütter an und erinnern daran, dass das Honorar schon zwei Monate überfällig ist, worauf diese Mütter ihnen erklären, dass man daheim in Weißrussland ohnehin den Tanz nicht mit Geld aufwiegen könne und dann fangen sie an zu weinen, nicht, weil sie besorgt sind, sondern weil der Weißrusse als solcher nun einmal gerne weint und dann fangen sie an zu singen, traurige, sehr, sehr traurige Lieder von der wunderschönen, schneebedeckten weißrussischen Landschaft und von dem weißrussischen Bauern, der mit seinen bloßen Fingern Kartöffelchen aus dem steinhart gefrorenen Boden ausgräbt, nur um seinem kleinen Sohn die Tanzausbildung zu finanzieren.

Männer von Ballettlehrerinnen nehmen Anrufe von besorgten Vätern entgegen, die meinen, dass ihr Sohn, weil er Ballett tanzen wolle, ja nun schwul würde. Darauf antworten die Männer der Ballettlehrerinnen: “Ja und? Wat besseret kann doch jar nich passieren? Wat meinen Sie, wat Ihrem Sohn da allet erspart bleibt? Ick meine. Ehe. Frauen. Ehen mit Frauen. Kinder.” — Nach etwa 15 Sekunden Schweigen am anderen Ende der Leitung sagt dann der besorgte Vater: “So haick dit ja noch nie jesehn … meinense wirklich?”

Männer von Ballettlehrerinnen fangen dann — es ist schon spät in der Nacht — an, Bilanzen zu schreiben. Stundenpläne müssen formatiert werden. Die Homepage ist zu aktualisieren. In der Ballettschule muss der Tanzteppich verlegt werden. Der Pitch am CD-Player funktioniert mal wieder nicht richtig.

Männer von Ballettlehrerinnen fallen dann irgendwann ins Bett, wenn der Morgen graut, wenn noch ein halbes Stündchen Schlaf winkt, bis die Kinder in die Schule gebracht werden müssen und der Büroalltag beginnt.

Deshalb habe ich ja auch die Selbsthilfegruppe gegründet. Bisher hat sich noch kein anderer gemeldet. Ich vermute, sie haben alle zu wenig Zeit. Ja, und in dem kleinen Rest Freizeit, der bleibt, da wollen sie dann mal entspannen und etwas tun, was einen nicht ganz so anstrengt, vielleicht, mal eine Box-Schwergewichts-WM gewinnen.

Ja, so ist das mit uns. Hart im Nehmen, aber trotzdem ein weiches Herz. Nur manchmal, da weinen wir und singen ein trauriges, weißrussisches Lied.

Foto: Martina Kohlschmidt

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