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Vom roten Platz

Im Kühlschrank brennt noch Licht

14. November 2011 von

Bier

Neulich abends saß ich mit meinem sehr alten Freund am Tisch. Der Tisch des alten Freundes hat in der spärlich möblierten Wohnung eine unklare Position. Zwischen Küche und guter Stube kann er sich nicht entscheiden und überschreitet schwankend ihre Grenzen, indem er in die eine wie die andere hineinreicht, ohne recht dazu zu gehören. Vielen Menschen geht es ähnlich. Wir saßen beide vor unseren aufgeklappten Taschenrechnern und hatten bereits eine gute Weile miteinander via Facebook gechattet und gegenseitig unsere geistreichen Einwürfe gelobt, als mein alter Freund mich unvermittelt ansprach.

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Der erste Geistesblitz in der Geschichte der Menschheit

Asai und Rasul

11. November 2011 von

Feuervögel

Äthiopisches Hochland.

158.000 Jahre vor Christi Geburt.

Es ist heiß. Die Luft flimmert. Rasul zerrt am Bein der Gazelle. Er ist ein geschickter Jäger. Der Gazelle hat er sich gegen den Wind genähert, so leise wie eine Schlange. Dann hat er seinen Spieß geworfen. Aber die Beute nach Hause zu bringen, das macht überhaupt keinen Spaß. Rasul flucht und zerrt weiter an dem Tier. In dieser Hitze muss er sich beeilen. Die ersten Fliegen haben schon ihr Interesse bekundet.

Die Höhle ist noch etwa 250 Meter entfernt. Asai hat aufgeräumt, Wasser aus dem Bach geholt und bei alledem aufgepasst, dass das Feuer nicht ausgeht. Jetzt ist sie langsam ein bisschen genervt, dass Rasul so lange braucht. Er ist wirklich ein ungeschickter Jäger, schleicht sich meistens von der falschen Seite an und braucht hinterher eine Ewigkeit, um die Beute zur Höhle zu schleifen. Weiterlesen →

Wenn Knoppers nicht mehr reicht

Reif für die Insel

10. November 2011 von

flickr/André Benedix

Schwer atmend hocke ich an meinem Wegesrand. Alles schmerzt. Kann keinen einzigen Schritt mehr gehen. An mir läuft jemand vorbei. Ich stutze. Den kenne ich. Obwohl er furchtbar aussieht. Tiefe Augen. Graues Gesicht. Hängende Schultern. Wo will er hin? Ich raffe mich auf und folge ihm in sicherer Distanz. Weiterlesen →

Mehr vom Herbst

Leise fällt das Laub der Kiefern

9. November 2011 von

Herbst

Ich bin verliebt. Nicht zum ersten Mal. Ich bin ja irgendwie ständig verliebt. Diesmal sind die Farben des an meiner großen Seitenscheibe entlang fliegenden Waldes der Quell meines wohligen Gefühls. Das Grün will kaum weichen in diesem Herbst und mischt sich mit flammendem Rot zu einer Kraft, vor der der Winter angststarr winselnd hinter den sieben Bergen in seiner kalten Kuhle kauert. Ich löffele mir die Augen voll mit dieser cremig-heißen Suppe, die nach Kastanien riecht und nach Kartoffelfeuer auf den Feldern.

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Markus Müller

Die richtigen Fragen

8. November 2011 von

Familiengrabstätte

„Die Oma ist gestorben!“ sagte mir mein Bruder zu Beginn unseres 30-Minuten-Telefonats heute morgen gegen halb zehn. Es waren seine ersten Worte. Ich dachte an die Mutter meiner Mutter, weil sie zur Hochzeit meines Bruders bereits nicht gekommen war und mir die Erklärung doch recht konstruiert vorkam: „Sie kümmert sich um die Katze. Dass die immer genug zu Fressen hat. Du verstehst…“. Ja, nöö, versteh ich nicht.

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Gastbeitrag

Von Zauber und Verfall

7. November 2011 von

Künstlerin

Seit einiger Zeit kommt eine Frau öfter in die Bar. Sie ist sicher über 65 und sie kleidet sich sehr auffällig. Beim letzten Mal trug sie einen zerfressenen Pelzmantel – im Juli – und eine flockende Mütze aus Rotfuchs über einem knappen Kleid. Sie hat die Figur eines jungen Mädchens und das Gesicht einer freundlichen Großmutter. Ihre Haare sind strähnig braun, so braun wie ihre Augen. Sie riecht. Und ist ausgesprochen höflich.

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Daniel Elsner

Kritik ist was für andere

4. November 2011 von

Bleistift spitzen

Kritik. Ein kleines Wort im Meer der individuellen Befindlichkeit. Balzac, der wohl fleißigste Romanschriftsteller unter den Franzosen und Kind zahlreicher Revolutionen, schrieb unverhohlen “Die Kritik gleicht einer Bürste. Bei allzu leichten Stoffen darf man sie nicht verwenden, sonst bliebe nichts mehr übrig”. Weiterlesen →

Lyrik

Suchen. Finden. Verlieren.

3. November 2011 von

Schlaflos rennend durch Nebelnächte
hetzen wir dem Glück entgegen.
Wie es wohl aussieht,
sich anfühlt, schmeckt? Weiterlesen →

Nicht bei uns

Mein fröhlicher Nachbar

2. November 2011 von

doubtful neighbourhood

Wir haben neue Nachbarn. Nicht ganz neu, sie sind vor einem halben Jahr oder etwas mehr eingezogen. Aber eine gewisse sagen wir Probezeit sollte schon ins Land gehen, bevor man das hehre Wort Nachbar in den Mund nimmt. Ein Nachbar, das ist ja dann doch schon etwas besonderes, das ist einer, den man im Hausflur oder auf der Treppe mehr oder wenig offen grüßt oder für den man nach ein paar Jahren der Bewährung bei Abwesenheit womöglich sogar ein Postpaket entgegen nimmt. Insoweit sagen wir mal vorsichtig: es wohnen neue Leute neben uns.

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Anita Hendrich

Der letzte Tag in diesem Jahr

1. November 2011 von

Sonnenuntergang

Mein Verhältnis zu ihr ist schon immer ein besonders. Mit jedem Kilometer auf der Autobahn pocht mein Herz mehr. Ich halte freudig erregt Ausschau nach ihr. Meine Hände werden schon leicht schwitzig, wenn ich sie von der weit entfernten Straße kurz erblicke.

Dann kommt jedes Mal dieser besondere Moment.

Ich steige aus dem Auto und gehe auf sie zu. Aufrecht und voller Stolz bei ihr sein zu dürfen.

Unter mir spüre ich den Sand, der vom Tag noch leicht warm ist. Ich setze mich ganz nah zu ihr und schaue sie einfach nur an. Sie sieht immer etwas anders aus, sie sieht immer wunderschön aus.

Ich begrüße sie wie eine gute Freundin und bleibe stundenlang bei ihr mit dem wunderbaren Gefühl des absoluten Glücks.

Sie zeigt mir all ihre Facetten. Ihre Wärme, ihren Duft, den Wind, der sie wie ein wundervolles Kleid umgibt.

Mit jedem Tag steht die Sonne etwas tiefer, bis zu jenem, an dem ich sie zum letzten Mal in diesem Jahr über ihr golden funkeln sehe. Sie wird dann kälter, frostig und rau.

Ich werde sie vermissen, bis zum nächsten Frühling, in dem wir uns wieder sehen.

Foto: Anita Hendrich

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