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Ingolf Griewank

Von Menschen und Wölfen

30. September 2011 von


Am 22. September 2011 las man in der Zeitung zwei Nachrichten nebeneinander: Gegen den Papst wurde anlässlich seines Deutschlandbesuchs demonstriert, ihm wurden vor allem mittelalterliche Moralvorstellungen vorgeworfen. Und in Georgia wurde nach 20 Jahren in der Todeszelle der vermutlich unschuldige Troy Davis mit einer Giftspritze getötet.

Versteht mich nicht falsch: Ich will weder den Papst oder die katholische Kirche für ihre verstaubten und falschen Ansichten zum Zölibat, zu Homosexualität oder Verhütung in Schutz nehmen. Ich will die lustigen, humorvollen Demonstranten der Schwulen- und Lesbenverbände nicht runtermachen. Ich will auch nicht die USA auf dieselbe Stufe stellen wie China oder Saudi-Arabien. Das tun sie eher selbst, indem sie sich in die Gruppe der letzten Staaten dieses Planeten einreihen, die tatsächlich regelmäßig noch die Todesstrafe ausführen. Ich will lediglich anregen, Verhältnismäßigkeit walten zu lassen.

Thomas Hobbes hat gesagt: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Der Staat definiert sich über seine Funktion, diesen Urzustand der Menschen zu beenden und dem einzelnen gewisse Garantien zu gewähren: Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, einen – damals noch kleinen – Kanon an Grundrechten.
Daraus ergibt sich, dass ein Staat, der einen seiner Bürger ermordet, kein Staat mehr ist, zumindest nicht für den zu Tötenden. Dieser Staat kann nicht nur die Grundgarantie des Lebensschutzes nicht mehr einhalten, er verstößt selbst gegen sie. Für den Menschen in der Todeszelle existiert aus staatstheoretischer Sicht kein Staat mehr. Er wird von Gewalttätern festgehalten, die ihn ermorden wollen und dies dann auch tun, weil sie stärker sind. Das ist beschämend für einen Staat und seine Politiker, es ist beschämend für die Vereinigten Staaten von Amerika, für ihre Politik und Justiz.

Der Papst hat dann im Deutschen Bundestag von einer neuen Ökologie des Menschen geredet. Ein, finde ich, ganz schlauer Gedanke. Wenn wir über Jahrzehnte hinweg – völlig zu recht – Naturschutz, Tierschutz, Artenschutz, Umweltschutz betont haben, wenn wir uns – völlig zu recht – um aussterbende Schweinswale und abgeholzten Regenwald gekümmert haben, dann dürfen wir daneben nicht den Menschenschutz vernachlässigen. homo homini lupus. Der Geist, der auch in der Natur erkennbar wird, hat Schwule und Lesben geschaffen, deswegen sind sie genauso zu schützen wie alle anderen, vielleicht auch vor Diskriminierungen durch die katholische Kirche. Unschuldig Verdächtigte, aber auch Diebe und Mörder sind Menschen und müssen offenbar bisweilen vor anderen Menschen geschützt werden und auch vor Staaten.

Ich kann nur sagen, der alte Jesus-Spruch „Liebe deinen Nächsten“ hilft weiter, auch wenn Du weder an Jesus noch an Buddha noch an Jahwe, Allah, Ishvara oder wen auch immer glaubst. Ich glaube, den können auch die Schwulen und Lesben unterschreiben. Und wenn noch ein paar andere mehr das täten, was wären wir dann für ein glücklicher, kleiner, blauer Planet.
Foto: Martina Kohlschmidt

Am schönen Niederrhein

Bring der Kuchen mit, Jung!

29. September 2011 von

Verlorenes Herz

Michael ist, sagen wir mal so, nicht ganz komplett. Innendrin. Er hat vor geraumer Zeit etwas von sich zurückgelassen, vielleicht an einer zugigen Straßenecke abgelegt, wo es der warme Herbstwind mit den ersten Blättern und einer hastig aufgerissenen Bäckertüte mitgenommen hat. Womöglich hat die Böe auch eine Erinnerung weggefegt an schnelle gierige Küsse, denen Stunden später wohlige Ermattung folgte, bevor der Schlaf eintrat, dem am Morgen danach der Gang zum Bäcker folgte. Zwei buttrige Croissants und eine geteilte Apfelplundertasche, dann ein gelogenes “Man sieht sich”, mehr blieb nicht von jener Nacht.

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Eine noch unbekannte Randgruppe

Männer von Ballettlehrerinnen

28. September 2011 von

Investor

Männer von Ballettlehrerinnen sind meistens nicht schwul.

Großer Fehler.

Männer von anderen Frauen hängen nach Feierabend im Baumarkt rum. Sie machen sich Sorgen, dass Hertha in vier Jahren schon fünf mal abgestiegen ist. Sie schrauben an ihrem Opel GT.

Männer von Ballettlehrerinnen nehmen Anrufe von besorgten Müttern entgegen, deren 3-jährige Töchter jetzt aber wirklich dringend ihre Karriere als Solotänzerinnen und spätere Prima-Ballerinen beginnen sollten.

Männer von Ballettlehrerinnen rufen andere, weniger besorgte Mütter an und erinnern daran, dass das Honorar schon zwei Monate überfällig ist, worauf diese Mütter ihnen erklären, dass man daheim in Weißrussland ohnehin den Tanz nicht mit Geld aufwiegen könne und dann fangen sie an zu weinen, nicht, weil sie besorgt sind, sondern weil der Weißrusse als solcher nun einmal gerne weint und dann fangen sie an zu singen, traurige, sehr, sehr traurige Lieder von der wunderschönen, schneebedeckten weißrussischen Landschaft und von dem weißrussischen Bauern, der mit seinen bloßen Fingern Kartöffelchen aus dem steinhart gefrorenen Boden ausgräbt, nur um seinem kleinen Sohn die Tanzausbildung zu finanzieren.

Männer von Ballettlehrerinnen nehmen Anrufe von besorgten Vätern entgegen, die meinen, dass ihr Sohn, weil er Ballett tanzen wolle, ja nun schwul würde. Darauf antworten die Männer der Ballettlehrerinnen: “Ja und? Wat besseret kann doch jar nich passieren? Wat meinen Sie, wat Ihrem Sohn da allet erspart bleibt? Ick meine. Ehe. Frauen. Ehen mit Frauen. Kinder.” — Nach etwa 15 Sekunden Schweigen am anderen Ende der Leitung sagt dann der besorgte Vater: “So haick dit ja noch nie jesehn … meinense wirklich?”

Männer von Ballettlehrerinnen fangen dann — es ist schon spät in der Nacht — an, Bilanzen zu schreiben. Stundenpläne müssen formatiert werden. Die Homepage ist zu aktualisieren. In der Ballettschule muss der Tanzteppich verlegt werden. Der Pitch am CD-Player funktioniert mal wieder nicht richtig.

Männer von Ballettlehrerinnen fallen dann irgendwann ins Bett, wenn der Morgen graut, wenn noch ein halbes Stündchen Schlaf winkt, bis die Kinder in die Schule gebracht werden müssen und der Büroalltag beginnt.

Deshalb habe ich ja auch die Selbsthilfegruppe gegründet. Bisher hat sich noch kein anderer gemeldet. Ich vermute, sie haben alle zu wenig Zeit. Ja, und in dem kleinen Rest Freizeit, der bleibt, da wollen sie dann mal entspannen und etwas tun, was einen nicht ganz so anstrengt, vielleicht, mal eine Box-Schwergewichts-WM gewinnen.

Ja, so ist das mit uns. Hart im Nehmen, aber trotzdem ein weiches Herz. Nur manchmal, da weinen wir und singen ein trauriges, weißrussisches Lied.

Foto: Martina Kohlschmidt

Gästezimmer

Aus der Mitte der Gesellschaft

27. September 2011 von

apocalypse now

Photo: Andreas Pohl

Demjenigen Einwohner der Innenstadt, der aufmerksam durch die Straßen geht, wird er früher oder später auffallen, der große, hagere Mann mit dem Schnurrbart, der Tag wie Nacht durch die Straßen spaziert und hier und da Passanten mit einem freundlichen “Guten Tag” oder, je nach Tageszeit einem “Guten Abend” begrüßt. Er hat ein freundliches Gesicht, dessen Augen hinter einem Geflecht aus Lachfalten verschwinden, seine Haare sind so braun wie der beeindruckende Oberlippenbart, der auch einem Walross zu Gesicht stehen würde.

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Was uns antreibt

Sein wie Flasche leer

26. September 2011 von

Es gibt Dinge im Leben, die entziehen sich der Betrachtung jeglicher Notwendigkeit. Hat der Mensch nach Abraham Maslow Stufe Eins und Zwei der Bedürfnispyramide für sich entschieden, obliegt es ihm zur Aufrechterhaltung der dritten seine soziale Befriedigung in den Vordergrund zu stellen und in einem fort die fließenden Grenzen zwischen Stufe Vier und Fünf mit sich und seiner Umwelt auszukämpfen. Dem Modell liegt jedoch gerade der gesellschaftliche Fehler hochentwickelter und sozial stabilisierter Staaten zu Grunde, die keineswegs darauf bauen, Bürgern unmissverständlich die Buttom-Up-Besteigung ihrer Bedürfnisse zu diktieren, als vielmehr volantil zwischen Anerkennung und Selbstverwirklichung hinweg zu navigieren. Individualität, Perfektion und unter anderem auch Erleuchtung als Motivation für Anerkennung, zusehends potenziert alleinig durch erreichten Wohlstand, beflügeln dabei das „Sie“ und „Ihn“ reflektionslos durch alle fünf Stufen. Mich treibt etwas anderes. Weiterlesen →

Die wahre Geschichte über Österreich

Lost in Austria

22. September 2011 von

Die österreichische Nationalflagge weht auf Halbmast. Starker Regen und stürmische Winde lassen sie waschlappengleich am Mast baumeln. Im Hotel Mozartblick ist nicht viel los. Nur ein Tisch ist besetzt mit einer vierköpfigen Hochzeitsgesellschaft, die sich im Datum vertan hat. Martin, der kroatische Kellner, lässt den Mittelfinger ins Erdäpfelpüree gleiten. „Du erinnerst mich so an Suzanna“, seufzt er und will den Teller an den Tisch der Trachtengruppe bringen. „Mach das nicht Martin, ich bin Suzanna. Nur in einem anderen Leben“, bittet das heißblütige Püree und fällt dem Kellner um den Hals. „Dann los. Ich wollte sowieso heute kündigen und bei der österreichischen Marine anheuern. Ich nehme dich einfach mit.“  Weiterlesen →

Leben in der Fremde

Mohrenköpfe

20. September 2011 von

Ich bin zum Verlieren geboren. Das beunruhigt mich nicht weiter. Vor allem, seitdem ich aufgehört habe, mir, meist unmittelbar nach ihrem Erscheinen, sämtliche Erfolgsratgeberbücher zu kaufen. Nicht selten im Anschluss an Lesungen in Berufsschulzentren vom Erfolgsautor persönlich mit einer kleinen Widmung handsigniert: “Für Axel, der den Willen zum Siegen in den Augen hat”. Meine letzte Therapie habe ich ohne großen Aufriss abgebrochen. Es macht einfach keinen Sinn. Einer muss halt der Zweite sein, wenn es darum geht, die Wurst des Lebens zu schnappen.

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Daniel Elsner

Eine Geschichte aus der Mottenkiste

19. September 2011 von

Vor 1000 Generationen lebte das Volk der Tangren inmitten der Weiten, der Berge und der Täler eines längst vergessenen Kontinentes. Unter ihnen einer, von dem man sprach, er besäße die Weisheit der Alten, die Kraft der Jungen und die Macht der Herrschenden. Und da es so war, nannten sie ihn Zhihui und verlangten von ihm, drei Winter wie auch den drei folgenden Sommern ein jedes Mal einem anderen der sechs Könige zu dienen. Weiterlesen →

Danielle Höfler

Romeo und Julia

16. September 2011 von

Lehmwand

Die Seele einer Stadt sind immer die Menschen, die darin leben. Sie hinterlassen Spuren, prägen Mauern und Straßen, und, weniger greifbar, die Atmosphäre, die über einer Stadt liegt. Emotionen werden so zur Historie, Liebe zu Stein, Eitelkeit zu Pflaster, Trauer zu Farbe. So auch in der Geschichte, die ich erzählen möchte. Es ist die Geschichte einer großen Liebe, und die eines Hauses. Unser Romeo war Künstler, und seine Julia eine Buchhändlerin, und zu Beginn der Geschichte waren beide weit in den mittleren Jahren. Zeit war über ihre Liebe geflossen und hatte sie geschliffen wie die Kiesel eines Baches.

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Das Haus am See

Sissis Tod

14. September 2011 von

Essenz und definitiver Höhepunkt einer jeden Österreichreise ist ein Besuch der einzigartigen Mumiensammlung von Sankt Wolfgang. Nicht zu Unrecht ist die nah am Wasser gebaute Kleinstadt Anziehungspunkt für Fiakerfreunde aus nah und fern, lässt sich doch an kaum einer anderen Stelle der Untergang der abendländischen Kultur besser vom schwankenden Kutschbock eines pferdegezogenen Alpenporsches bewundern als eben dort.

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