Psychohygiene
Immer und immer wieder bekomme ich zu hören, dass ich „komisch“ sei, anders eben. Fragt man dann mal nach, bekommt man keine konkrete Antwort. „Ist nicht in Worte zu fassen – Psycho halt.“ Bitte??? Da könnte ich kotzen, ehrlich. Hätte ich nicht so eine Panik davor, würde ich mir ständig nur den Finger in den Hals rammen. Guter Nebeneffekt wäre wahrscheinlich der enorme Gewichtsverlust in kürzester Zeit, aber dann würden die Menschen wieder anfangen zu tuscheln, man hätte Bulimie. Die Kehrseite der Medaille, also auch ad acta legen. Bringt nix. Fallen einem nur die Haare aus und es wächst ein Ganzkörperflaum. Gruselig. Außerdem macht’s schlechten Atem. Pfui! Aber zurück zum Thema.
Individualität wird ja in der heutigen Gesellschaft recht großgeschrieben. Jeder will anders sein, auffallen, besonders sein, glänzen – ob mit dem Äußeren, oder mit Leistung, egal, Hauptsache toll. Die kleinen Rotzer haben noch nicht mal Haare unter den Armen, aber fangen schon an, sich von oben bis unten zuhacken zu lassen. Hals, Arme, Dekolleté…Sternchen, Blümchen, Mietzekatzen mit großen Augen. Sie mutieren zu Veganern, Emos (das sind die mit dem langen, zur Seite gekämmten Pony, immer das Gesicht schief, damit man überhaupt was sieht und auf Fotos immer fein von rechts oben fotografieren, dabei ja nicht den Mund verziehen, denn es könnte ja Fröhlichkeit ausstrahlen!), Metros, Freestylern, HippHoppern und was weiß ich nicht noch alles. Sie ziehen sich alles durch die Nase was geht, damit diese auch ja immer fein oben bleibt und jeder mitbekommt, wie individuell man doch ist. Komasaufen und in der eigenen Pisse liegen. „Yeah wie geil war die letzte Party! Ich bin als erster umgefallen!“ Schule? Braucht man nicht – viel toller ist es doch, zu schwänzen und sich mit dem Bier vor dem Supermarkt zu präsentieren. Kippe noch dazu und fertsch ist der Lack. „Geilo. Da geht mir doch glatt einer ab, Alter.“ „Haha, guck dir die Stinos an! *Rülps*“ „Boah, wenn ich könnte, würd ich mich selbst ficken, so geil find ich mich!“
Oder die coolen Mittzwanziger. Schicki Micki bis zum Umfallen. Guggi, Prada, superduper. Hey, ich bin anders! Hab gemachte Brüste, spring mit dem Chef ins Bett. Schaut nur, ich kletter’ auf der Karriereleiter immer höher. Hmmm is klar, kannst du den Mund auch noch zu was anderem gebrauchen als zum Blasen? Buchstabier mir doch mal bitte „Individualität“! Merkste was?
Schlimmer sind jedoch die neureichen Mamas mit all ihren Rudis, Pauls und Paulas. Am besten immer fein Bio kaufen, aber Klamotten der angesagtesten Labels tragen. Die kleinen Rotzgören schon frühzeitig in die Krippe stecken, da die kleinen Biester ja so anstrengend sind. Die wollen nämlich Beschäftigung und Aufmerksamkeit. Aber dafür hat die Mama gerade mal so gar keinen Sinn. Schließlich muss man sich ja mit anderen treffen um den neuesten Klatsch der Straße auszuwerten. Friseurtermin, Nagelstudio und Sonnenbank. Nebenbei noch ein wenig Karriere mit der eigenen Firma machen und jedem zeigen, dass man alles einfach unter einen Hut bekommt. Muckt das Kindchen mal auf, bekommt’s ne Portion Ritalin. Weil heute sind ja eh alle hyperaktiv. Liegt an der Gesellschaft. „Jaja, schlimm ist das. Den Kindern wird ja sooo viel abverlangt, die heutige Gesellschaft ist einfach so böse!“ Hm, kein Wunder, wenn ein einjähriger Hosenscheißer schon von früh um 6 bis nachmittags um 5 auf sich allein gestellt sein muss.
Und dann gibt es noch Personen, die einfach ihr Leben leben. Die sich um ihre Mitmenschen sorgen, sich Gedanken machen und für andere da sind. Die einer geregelten Arbeit nachgehen, Hobbies haben und immer wieder auf die Fresse fliegen, weil sie auf eben beschriebene Idioten reinfallen. Und die werden dann Psychos genannt. Wie krank ist diese Welt eigentlich? Ich glaub ich muss aufs Klo…
Text: Tante Glubschie


21. Juni 2012 um 13:53 Uhr
authentischer einblick in eine heftige enttäuschung . das miese-leben-lernen kostet immer und leider zuviel
21. Juni 2012 um 14:23 Uhr
wobei der typ auf dem titelfoto nur mühsam seine ‘arschloch’-tattoo auf der stirn wegschminken konnte .
29. Juni 2012 um 13:23 Uhr
Na nun, wird schon klar gehen mit dem eigenen Weg. Die die konformistisch leben, sind auch nicht glücklicher. Vielleicht haben sie es einfacher und bequemer aber irgendwann kommt die Leere zum Vorschein.