Loveday
Als mein Wecker wie immer um 6.29 Uhr klingelt, weiß ich sofort Bescheid. Von meinem Kissen flattern verschwitzte Schmetterlinge. Aus dem Fenster klingt es nach Vögeln. Das Radio singt „Love is in the Air“. Heute ist Loveday.
Gestern habe ich Heike kennen gelernt. Es waren wundervolle drei Stunden mit ihr. Morgen sehen wir uns wieder. Ich bin so verliebt und habe so viel zu tun. Beginne umgehend mit den Vorbereitungen für unsere Beziehung, die solange halten wird, bis Heike die Begonien über mir mit selbst gepumptem Wasser gießt.
Melde mich bei meinen Freunden vorsorglich für die nächste Dekade ab. So warm bin ich ja nie wirklich mit ihnen geworden. Netter Zeitvertreib. Heike aber vertreibt mir meine Ängste. Sollen sie sich einen anderen Saufkumpan suchen, diese ewigen Single-Spacken. Küsse ihr Bild, das ich an den Kühlschrank mit Snoopy-Magnet gepinnt habe. Treffe ihr niedliches Näschen und schmuse eine halbe Stunde mit der Tür zur kalten Welt.
Jetzt aber los. Laufe ins Einkaufscenter. Kaufe mir alle ihre Lieblingsplatten, obwohl ich den Wendler schon grenzwertig finde. Besorge mir eine Familienpackung Einwegrasierer, damit nach der Ganzkörperheißwachsanwendung auch wirklich alles glatt bleibt. Entdecke meine Vorliebe für esoterische Bücher und Duftkerzen in allen Zimmern. Trainiere das Pinkeln im Sitzen. Freunde mich mit Liebesfilmen an, in denen Til Schweiger immer von Til Schweiger dargestellt wird. Die peinlichen Fußballfanshirts verbrenne ich bei meinem allerletzten Stadionbesuch im Ultras-Block. Bei der Gelegenheit entsorge ich auch meine letzten Böller.
Plane die nächsten fünf Sommerurlaube. Bahamas klingen gut. Junior-Suite mit seitlichem Meerblick und landestypischer Ausstattung. Ich reserviere verbindlich für 26 Tage. Mehr Jahresurlaub habe ich nicht. Und 2014 ist schnell ran, wenn man verliebt ist. Lasse mir Einrichtungsratgeber für Kinderzimmer schicken. Muss unbedingt auch noch die Pornosammlung verschenken, bevor sie bei mir einzieht. Rufe bei meiner Mutti an und schwärme so von Heike, dass wir schon morgen Abend zum Kennlernessen eingeladen sind. Naja, ins Kino können wir ja auch noch ein anderes Mal.
Informiere Heike im Fünf-Minuten-Takt per SMS, eMail, Skype, XING und Facebook über aktuelle Ereignisse aus meinem Leben. Bin der Verzweiflung nahe, wenn sie nicht innerhalb von drei Minuten antwortet. Sehe sofort eine Brandkatastrophe vor mir. Ein attraktiver Freiwilliger Feuerwehrmann, der eigentlich Chefarzt in einer Privatklinik ist, rettet sie aus den Flammen und entflammt sie dabei. Es passieren ja ständig solche verrückten Sachen. Erkundige mich also telefonisch, ob auch wirklich alles okay ist und warum sie nicht antwortet. Ach so, du hast den Laptop nicht mit aufs Klo genommen. Ja, klar, haha, kein Problem Prinzessin… Beruhigt lege ich auf.
Überarbeite noch schnell mein Facebookprofil. Neuer Status: „ist in einer Beziehung mit Oxana aus Botswana“. Das ist ihr niedlicher Nickname in Facebook. Poste „I love you“ auf ihr Profil. Mit Herzchensmiley und angehängtem Kuschelrockvideo. Lege ein neues, öffentliches Fotoalbum an. Lade alle Knutschbilder von gestern hoch und beschreibe sie blumig.
Ziemlich geschafft, aber so unendlich glücklich surfe ich noch durch das Facebook-Profil meiner geliebten Heike. Werde sie morgen mal fragen, wer der Typ eigentlich ist, mit dem sie angeblich verheiratet ist. Und wem die drei niedlichen Kinder gehören, die auf fast allen Fotos zu sehen sind. Ich kann die süßen Knirpse gut verstehen, dass sie so oft bei ihr zu Besuch sind. Sie ist ja auch wirklich süß, meine Heike.
Diese Geschichte gehört zur Reihe “Die Sonstwasdays”. Bisher erschienen sind Aggroday und Aggro X-Mas.


25. Januar 2012 um 11:25 Uhr
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