Liebe Parkuhr
Von deiner Art finde ich nur noch ganz wenige in meiner Stadt. Dein Kleid schaut von den Jahrzehnten deiner Arbeit, die du bei jeder Witterung zuverlässig erledigt hast, ganz mitgenommen aus.
Es ist ein schwül-warmer Frühsommerabend, als ich durch die Straßen der Innenstadt irre. Die Menschen um mich herum bleiben unbemerkt, denn ich bin im Gedanken und singe laut, und doch ganz stumm immer wieder „Aber schön ist es nicht ohne dich. Schön ist es nicht ohne dich.“. Als ich beim Überqueren der Straße auf die andere Seite blicke, sehe ich dich. Du, meine alte Freundin. Während ich auf dich zugehe, verziehen sich zum ersten Mal an diesem Tag meine Mundwinkel nach oben. Kaum da, werfe ich ein zwanzig Cent Stück ein und setzte mich auf die Bordsteinkante vor dir.
Lange war ich nicht bei dir. Mir ging es ganz gut. Und nun ist alles anders. Eigentlich wollte ich mich doch nur wieder verlieben. Flatternde Glücksgefühle erleben. Singend durch die Straßen tanzend, mit einem Lächeln, welches wärmer scheint als jede Sonne. Und nun ist mein einziger Wunsch, dass das Himmelgrau über mir endlich wieder etwas heller wird.
Ich schaue auf den Boden aus Kopfsteinpflaster und während die Sonne noch heiß auf meinen Rücken brennt, finden die ersten Regentropfen des Tages ihren Platz in meinem Gesicht.
Für einen kurzen Moment blieb meine Welt stehen. Es war alles irrsinnig hell und leuchtend. Das kleinste Wort trug mich über jeden noch so aufreibenden Tag. Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es fühlte sich so groß an, gewohnt, und nun nur noch so unheimlich weit weg.
Ich suche in meiner Hosentasche nach einer weiteren Münze, stecke sie ein, setze mich wieder, und lehne mich vorsichtig an meine Freundin.
Plötzlich drehte sich der Wind und meine Tage wurden rasant kürzer. Mein Misstrauen begann Fragen zu stellen, mit deren Antwort es sich aber nie zufrieden gab. Ich weiß, ich sollte einfach weiter gehen. Nach vorne schauen. Nur so einfach ist das nicht. Vor allem nicht, weil ich mich fest an den Glauben eines Stücks Unendlichkeit geklammert hatte. Weißt du, ich halte mich gut. Nur die Nächte machen es so verdammt schwer.
Die leuchtenden, alten Laternen lassen den Asphalt gelblich schimmern. Ich schaue auf. Auf dem Marktplatz gegenüber sitzt ein junger Mann an einem alten Holzklavier. Ich schließe meine Augen und eine Gänsehaut überzieht meinen Körper, als er anfängt zu singen.
„Ich will dich einmal noch lieben, wie beim allerersten Mal. Will dich einmal noch küssen, in deinem offenen Haar. Ich will einmal noch schlafen, schlafen bei dir. Dir einmal noch nah sein, bevor ich dich für immer verlier´.“
Es ist nicht nur so. Da gibt es immer noch diese kleine Hoffnung.
Leider habe ich kein Kleingeld mehr bei mir und ich will deine Zeit auch nicht länger in Anspruch nehmen. Wenn ich in der Nähe bin, komme ich mal wieder vorbei. Ich hoffe, Du bist dann noch hier.


