Kritik ist was für andere

Kritik. Ein kleines Wort im Meer der individuellen Befindlichkeit. Balzac, der wohl fleißigste Romanschriftsteller unter den Franzosen und Kind zahlreicher Revolutionen, schrieb unverhohlen “Die Kritik gleicht einer Bürste. Bei allzu leichten Stoffen darf man sie nicht verwenden, sonst bliebe nichts mehr übrig”.
Nun wissen wir aufgeklärten Postromantiker in unserer nach Anstand gierenden Konformitätsgesellschaft, dass Kritik hier und da von Nöten ist, sonderlich beliebt jedoch nur erscheint, wenn sie anderem zuträglich ist. Versteckt und ordentlich verschleiert nutzen wir sie im Pseudogewand des Konstruktiven und fürchten umso deutlicher das Gegenteil. Die Natur hingegen sieht es pragmatischer, benennt es Evolution und kritisiert im Ausleseprozess der genetisch stärksten Kompatibilität. Das macht sie erfolgreich und schon seit Jahrmillionen.
Wir Menschen sind problembehaftet. Wir lieben die Harmonie und scheuen den Konflikt. Geschimpft wird heimlich oder unter seines gleichen. Und öffentlich schon gar nicht. Natürlich sind wir Revolutionäre und müssten und könnten mal so richtig in unserer Anonymität. Doch ersticken wir schnell im Jammer der nur uns zu eigenen Ohnmacht, angesichts des Chaos, zu welchem uns die Gabe der Kritik verleitet. Der einen schmeckt das nicht, dem anderen gefällt der nicht. Die Steuern sind zu hoch, Kindergartenplätze gibt es zu wenige. Wenn es regnet, ist das Wetter schlecht. Scheint die Sonne zu heiß, fühlen wir uns auch nicht wohl. Kritik könnte so einfach sein. Wenn? Ja wenn diese Befindlichkeiten nicht wären.
Kaum eine Stunde, ein Tag und schon gar nicht ein Seufzen vergeht, in welchem wir ohne die Schwierigkeit der Anpassung das verleugnen, was Generationen vor uns schlicht vorenthalten blieb. Das Recht auf Meinung. Wir opfern sie auf dem Scheiterhaufen aus Ruß befleckter Ruhe und scheinheiliger Sicherheit, akzeptieren das gesellschaftliche Opiat, welches uns regierbar macht. Nicht nur in der Politik. Und so, wie wir gemeinsam diesem Opiat in Abhängigkeit verfallen, es einerseits kritisieren und trotzdem leben, so entwickeln wir uns zu seinen heimlichen Stellvertretern. Wir kritisieren und wollen nicht kritisiert werden. Schon gar nicht dafür, dass wir den Umstand der Kritiklosigkeit doch erst ermöglicht haben.
Hingegen wagt der eine es dann schon, den scheinbar schweren Schritt zu gehen, bedarf es neben uns der Stellvertreter, die gleich einem Meer aus tausende Tropfen den Wagemutigen im Augenblick des Falles empfangen, aufsaugen und zu dem machen, was wir letztendlich doch nur sind. Ein Ozean sich ständig neu positionierender Verbindungen.
Balzac, der Schwerenöter, hätte sich verliebt in die Grand Dame des französischen Kinos. Denn wiederum die meinte einmal “Dilettanten erkennt man an der Plumpheit ihrer Komplimente. Der routinierte Verführer riskiert Kritik.”
Merci, Mademoiselle Deneuve.
Foto: René Beder

4. November 2011 um 16:46 Uhr
Ja, die scheinheilige Sicherheit, die ist es. Sehr fein beobachtet und mutig aufgeschrieben. Ich sehe mich in diesem Spiegel.