Kinder, wie die Zeit vergeht
Wer ist das da vorne? Ja, der mit dem roten Hemd, neben dem Altar. Das kann doch nicht, nein, unmöglich. Doch. Egal, wieviel ich blinzele, der junge Mann dort vorne, das ist mein Patenkind. KIND wohlgemerkt. Nun, mit der Konfirmation geht offiziell mein Patenamt zu Ende. Aber da er der Sohn meiner besten Freundin ist, werde ich ihn wohl doch mein, sein Leben lang begleiten.
Ich werde ganz sentimental, wie ich da so sitze und mir die jungen Herrschaften da vorn ansehe.
Ist das wirklich schon fast 15 Jahre her, dass ich ihn, gerade mal ein paar Stunden nach seiner Geburt, das erste Mal in meinen Armen hielt? Ich erinnere mich noch an die widerstreitenden Gefühle in meiner Brust. Einerseits auf dem besten Weg, mich rückhaltlos in dieses kleine Wesen zu verlieben, andererseits die Sehnsucht, ein eigenes Kind zu haben. Was mich ein bißchen Abstand halten ließ. Nicht lang, denn irgendwann konnte auch dieser kleine Mensch so bezaubernd lächeln, dass es mit meinem Widerstand vorbei war. Restlos.
Über die Jahre geriet diese Liebe auch mal ins Wanken, denn er hatte es faustdick hinter den Ohren. Doch als er das erste Mal MEINE Tochter in den Armen hielt und ihr verliebt das kleine Köpfchen streichelte, waren ihm sämtliche Frechheiten und Bockigkeiten verziehen.
Aber zurück zur Gegenwart. Souverän gibt er sein Gelöbnis ab, lächelt verschmitzt zu uns, seinen Gästen herüber, strahlt auf den Erinnerungsfotos mit uns um die Wette.
Und auch später der erste Schluck Wein, eine Auslese vom Bodensee, von seinem Vater genau für diesen Moment in weiser Voraussicht vor vielen Jahren gekauft, rinnt entspannt seine Kehle hinunter. Beide haben den gleichen Jahrgang. 1997. Scheint ein guter zu sein, denn auch ich als Patentante bekomme ein Glas zum Kosten und bin begeistert. Von beiden – Wein und Konfirmant.
Ein Blick auf meine Nachkommenschaft beruhigt mich aber zusehends. WIR sind noch nicht so weit. Ich schnappe mir meine Sechsjährige, vergrabe meinen Kopf in ihrem Nacken und puste, ganz leicht. Warte, bis ich das leise Kichern höre. Und lehne mich entspannt zurück.
Bis ich auf einmal kerzengerade hochschieße. Hab ich meinen Ältesten eigentlich schon zum Konfirmandenunterricht angemeldet?
Text: Barbara Loelf


12. Juni 2012 um 10:46 Uhr
Übrigens ist mein ältester jetzt angemeldet. Und er, der wirklich nur konfirmiert werden wollte, hat bei dieser Konfirmation kapiert, dass man wohl doch ganz schön viel Geld bekommt. Auf meine Frage, ob er sich jetzt nur noch des Geldes wegen konfirmieren lassen würde, verneinte er zwar lautstark. Im selben Atemzug fragte er mich aber auch, was ein Laptop eigentlich so kostet.
I rest my case…