In der Mitte der Garnelen
Wenn einer ein Gesicht hat, das die eigene Mutter beim besten Willen nicht lieben kann – und man glaubt ja gar nicht, zu was liebende Mütter alles in der Lage sind – wenn einer so ein Gesicht mit sich herumträgt, sein ganzes, hundelanges Leben lang, dann verweist man nur allzu gerne auf seine inneren Werte.
Ich halte das mit den inneren Werten für ausgemachten Humbug. Humbug, entdecke ich in diesem Moment, Humbug ist ein feines Wort. Ich plädiere mit brennender Leidenschaft dafür, dem malerischen Wort Humbug wieder stärkeren Eingang in unsere Alltagssprache zu gewähren. Mit wehenden Wimpeln und frohem Glockenspiel sollten wir diesen verloren geglaubten Ausdruck wie einen lieben alten Freund umarmen und glücklich heimgekehrt in unserer Mitte begrüßen.
Ich selbst, soviel zu den angeblichen inneren Werten, bin nun äußerlich nicht unbedingt das, was der Volksmund ein Vorzeigemodell nennt. Bei der Aktion Lebensborn, mit der unsere Altvorderen die arische Rasse groß, blond, blauäugig und rein züchten wollten, hätte ich mit meiner tristen Figur, dem am Leib faulenden Fleisch und diesem verfluchten Doppelkinn ein trauriges Dasein am Spielfeldrand gefristet und wohl nur selten einer deutsch bezopften Greta beigewohnt.
So ein schiefes Gesicht, das wächst sich ja auch nicht aus, wie ein von Chirurgenhand erfolgreich entferntes Geschwulst am Enddarm. Oder wie die kleine Narbe an meiner linken Hand. Die kann man fast schon nicht mehr sehen. Da bin ich als Junge mal von der Schaukel geflogen oder mit dem Tretroller gestürzt. Ich weiß es nicht mehr. Wir waren ja ständig draußen. Kann auch ein blühender Kirschbaum gewesen sein, von dem ich stürzte.
Unser Eltern mussten alle viel arbeiten. Und Fernsehen war nicht. Ja, da durften wir halt oft raus. Vermutlich, damit wir nicht die Wohnung anstecken, wenn keiner da war. Für uns galt ja noch „Messer, Feuer, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht“. Heute heißt das: „Justin, nich dem Papa seine Pornos löschen auffem Computer, wennde Ballerspiele machst, ja?“.
Was war ich für ein aufgeweckte und wohlerzogenes kleines Kerlchen. Immer auf Zack und am Gucken, ob ich einer alten Frau was hätte helfen können. Ich trug das Haar mit Mamas Spucke ordentlich gescheitelt und der netten Nachbarin die Wasserkisten bis in den sechsten Stock und manchmal, aber nur manchmal, glaube ich den Mist, den ich erzähle über unsere Jugend selber und dann gruselt’s mir vor mir.
Denn in Wahrheit waren wir natürlich anders. Ganz anders. Wir haben Kröten aufgeblasen, bis sie platzten. Dabei platzen Kröten nie, aber das kann man heute gut erzählen, weil die Generation Internet keine Kröten mehr kennt und es ihr auch egal ist, was wir Alten erzählen. Deswegen erzählen wir es uns auch nur gegenseitig an den Stammtischen und bedauern klagend beim angewärmten Bier den Verlust der inneren Werte.
Da sind sie wieder, die inneren Werte und ich schon beim Kern der Geschichte. Gestern nämlich, erst gestern wollte ich Krabbenküchlein zubereiten. Krabbenküchlein sind recht lecker und weil’s keine Krabben gab, hab‘ ich Garnelen gekauft. Shrimps wär zur Not auch gegangen, weil nämlich alles drei das gleiche ist aber das erzähl mal der Fachverkäuferin bei Nordsee, da kriegst Du was zu hören.
Ich jedenfalls die gefrosteten Garnelen aufgetaut in heißem Wasser und dann mit meinem schärfsten Messer ran. Zack, zack, zack, zack. Für Krabbenküchlein braucht man kleine Stücke, das kann man sich ja denken. Und, was seh‘ ich? Fiese schwarze Fäden seh‘ ich. Was denken sich die fleißigen Frauen in Nordafrika bloß dabei, wenn sie die Därme nicht entfernen, so wie es für Krabbenpuhler vorgeschrieben ist? Denken die sich: „So, feiner weißer Mann, meinen Bruder hast Du zurückgeschickt und die Frau von meinem Schwager darf in Berliner Randbezirken Biotonnen mit der Hand auswischen. Jetzt kannst DU mal Scheiße fressen!“?
Denken die sich so was? Ist die Garnelenkacke in meiner Hand das Ergebnis von ungelösten Globalisierungsproblemen? Und warum kann ich nicht einmal eine Frau sein, der die inneren Werte und ungelöste Globalisierungsprobleme ja so was von egal sein können, sobald sie neue Schuhe in der Hand hat? Manchmal wär‘ ich gerne eine Frau. Manchmal reicht mir aber auch schon eine schöne Currywurst.



20. Juni 2012 um 10:18 Uhr
Tja Großer…da schafft man sich halt ein zweites Gesicht an und nimmt das erste zur Verhütung….könnte ich einfach so schreiben, weil ich Deine Absicht, auf angenehmen Widerspruch zu hoffen, durchschaue.
Aber nein…ich mache es intellektueller:
“Das menschliche Antlitz ist wirklich wie das jenes Gottes einer orientalischen Theogonie eine ganze Traube von Gesichtern, die, auf verschiedenen Ebenen nebeneinandergestellt, nicht auf einmal überblickbar sind. ”
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
..so und nun suche die Stelle des Zitat
20. Juni 2012 um 10:46 Uhr
Touché. Wie immer, lieber Heiner. Und wieder mal erfüllt es mich mit Freude.
21. Juni 2012 um 13:03 Uhr
Garnelenkacke kannste mitessen. Hat keinen Einfluß auf die inneren Werte und auch nicht aufs schiefe Gesicht.