In Achim
Frühling 1993. Das erste halbe Jahr meiner Soldatenlaufbahn in Berlin-Treptow beim Jägerbataillon 581 habe ich ohne eine einzige kriegerische Handlung erfolgreich hinter mich gebracht. Ich wiege durch die Zeit im Offizierscasino zehn Kilo mehr und bin auch insgesamt ziemlich träge geworden. Major Pelzer hat Wort gehalten. Der Bundesminister für Verteidigung, mein Freund Volker, bezahlt mir den PKW-Führerschein. Die Ausbildung ist: In Achim. Hä? Wer oder wo zum Teufel soll dieses Achim sein? Bei Bremen. Ach so. Weit weg. Das ist prima. Mit meiner Freundin läuft es ohnehin suboptimal. (Heute würde ich den Beziehungsstatus auf „Es ist kompliziert“ ändern.) Die Erwartungen sind einfach divergent. Sie will reden und spazieren und dabei reden und Kaffee trinken und dabei reden und die Familie besuchen und dabei reden. Ich möchte nach meiner Woche in der uniformierten Männerwelt einfach nur vögeln. Zielorientiert und zügig.
Achim also. Packen wir‘s an.
Von der polnischen Grenze bis nach Achim im vorfriesischen Land brauche ich mit der Bahn über zehn Stunden. Um am Montag pünktlich da zu sein, muss ich am frühen Sonntagabend aufbrechen. Bis Berlin, dann nach Hannover, wo ich im Bahnhof nachts das Beuteverhalten von frei lebenden Junkies und Obdachlosen zwei Stunden lange studieren darf, bis der Zug nach Bremen kommt. Von der Hansestadt aus ist es dann ein gemütlicher Trip in einem Bummelzug, der an jedem beleuchteten Kuhstall hält.
Achim präsentiert sich insgesamt auch sehr gemütlich. Hier ist die Welt noch in Ordnung, sind die Bürgersteige wie geleckt. Die Kaserne, in der in den nächsten sechs Wochen die Führerscheinausbildung stattfindet, ist an diesem Montagmorgen kurz vor sieben menschenleer. Statt Soldaten salutieren mir einige Kaninchen, Wildenten und Rehe. Hier scheint noch nie ein Schuss gefallen zu sein. Ich verliebe mich sofort in diese Enklave des uniformierten pazifistischen Widerstands und trinke einen Blümchenkaffee in der Kantine. Ein einziger Gast ist da. Er sieht aus wie der Bruder des damaligen Bremer Mittelfeldmotors Dieter Eilts. „Moin. Wo kommst du denn wech?“ Eine Kanne Kaffee später haben sich meine Ohren an den nordisch by nature Slang gewöhnt. Dieter kommt von aus der Nähe wech. Ein echter Ostfriese, der völlig ohne Wehmut feststellt, dass in seiner Heimatstadt Leer die Kühe schöner seien als die Frauen. Wir haben in den nächsten Wochen jede Menge Spaß. Ziehen durch Dorfdiskotheken, in denen sich sein Frauenbild bestätigt. Daddeln nächtelang am PC „Bundesligamanager“, das damals hippste Spiel für alle fußballbekloppten Nerds. Und gehen zusammen zu seinem Verein ins Weserstadion. Werder Bremen gegen Borussia Dortmund. Warum er als Ostfriese BVB-Fan ist, leuchtet mir nicht ein. Ich finde Otto Rehagel cooler und bekomme fast Prügel, weil ich beim goldenen Tor von Wynton Rufer der einzige im schwarz-gelben-Gästefanblock bin, der jubelnd Rufer ruft und seine Nachbarn ekstatisch umarmt.
Der April 1993 ist einer der heißesten seit dem Rückzug der bezaubernden Jeannie in ihre Flasche. Die heiße Witterung sorgt leider auch dafür, dass wir zahlreiche Kaninchen beerdigen müssen. Vielleicht war es auch die sehr seltene Maul- und Wammenseuche. Jedenfalls keine missglückten Schießübungen, da es in dieser Kaserne zwar mehrere Fußballplätze gibt aber keine einzige Waffenkammer. Hier hätte der Warschauer Pakt leichtes Spiel gehabt. Nicht nur von Freitag bis Sonntag. Nein, täglich ab 15 Uhr. Denn in Achim sind ausschließlich Heimschläfer untergebracht. Und eine Handvoll Soldaten wie ich, die sich zwar in Kürze einer komplexen Aufgabe stellen, wie die des Aufbaus eines Freizeitbüros, aber niemals einem Feind. Einem Überraschungsangriff könnte ich höchstens verbal etwas entgegen setzen – wenn die Aggressoren deutsch sprechen. Natürlich weiß niemand, dass es hier keine Waffen und keine echten Soldaten gibt. Geheime Verschlusssache. Und deshalb sind die Toten Hasen in einer Kaserne nicht gut für die öffentliche Wahrnehmung der Bundeswehr. Zumal sich im Norden die ersten Tierschutzorganisationen etablieren. Bis alle Karnickel den Eisbergsalat von unten sehen, wird die Kaserne deshalb hermetisch abgeriegelt. Von einem privaten Wachschutz.
Die Führerscheinausbildung ist intensiv und auf den dümmsten anzunehmenden Fahrschüler ausgerichtet – also auf mich. Wir haben von Montag bis Freitag täglich das selbe Programm. Einen halben Tag Theorie und einen halben Tag Praxis. Den Prüfungsbogen kenne ich nach sechs Wochen auswendig. Nur mit dem Fahren habe ich es nicht so. Das nahe gelegene Bremen kommt mir wie eine Weltmetropole vor, wenn ich am Steuer sitze. Jeder entgegenkommende LKW verursacht eine Bremsattacke. Ich tarne mich als der freundlichste Soldat der NATO und fahre prinzipiell rechts ran, wenn in der engen Innenstadt ein Fahrzeug auf der Gegenspur kommt, das breiter ist als ein VW-Polo.
Irgendwann sind auch einmal die schönsten sechs Wochen vorbei. Der Tag der Entscheidung naht. Prüfung. Den Theorieteil meistere ich mit null Fehlern. Was praktisch nichts zu bedeuten hat. Bei der Einteilung der Prüfungsfahrten komme ich in eine Dreiergruppe. Unser Ausbilder, ein gemütlicher Oliba-Träger, der mich auf der Autobahn immer ermuntert, doch mal schneller als 80 zu fahren, nimmt mich zur Seite: „Gefreiter Altmann: Die Führerscheinausbildung bei der Bundeswehr ist sau teuer. Wenn sie es verreißen, muss ich einen tierischen langen Bericht schreiben. Das wollen wir doch nicht?“ Ich nicke erst mal und warte, was nun kommt. „Deshalb habe ich mir überlegt, dass wir die Prüfungsfahrt morgen deutlich zeitiger beginnen als geplant. Sie fahren als erster. Gegen 5 Uhr 30 sind noch wenig Autos unterwegs und ich stelle eine neue Route zusammen. Ausschließlich Nebenstraßen.“
Nach einer knappen halben Stunde habe ich es fast geschafft. Während der gesamten Prüfungsfahrt sind mir nur drei Autos begegnet. Und ein Radfahrer, den ich allerdings fast übersehe. Gut dass der Prüfer den Rettungssprung in den Straßengraben für einen dieser neumodischen BMX-Stunts hält. „Ganz schön ruhig heute“, grummelt der Prüfer von hinten. Mein Fahrlehrer lenkt ihn schnell ab. Mit einem neuen Jever. „Gut jetzt Soldat. Bei der nächsten Möglichkeit Einparken!“ Das böse EP-Wort. Wenn du mehr als zwei Versuche brauchst, bis die Kiste in der Lücke steht, ist die Prüfung nicht bestanden. Beim ersten Anlauf verfehle ich das Ziel knapp. Höchstens ein halber Meter fehlt. Rund um das Lenkrad bildet sich ein Schweißfilm. Scheiß Hollywood. Doch nicht jetzt und hier. Zweiter Anlauf: Mit Ach aber ohne Krach rangiere ich den Passat in die acht Meter große Parklücke. Auf meiner Seite sind siebeneinhalb Meter frei. Jetzt erst schaue ich mich nach dem Prüfer um. Er ist gertenschlank.
„Sehr prüferunfreundlich eingeparkt“, schnauzt der Prüfer nachdem er sich durch den Türspalt gezwängt hat. Weil die Ausbildung aber so sau teuer ist, habe ich den Schein in der Tasche. Dass ich wenig später bei meiner allerersten Arm-lässig-aus-dem-Jeep-halten-Fahrt in Berlin nach knapp drei Kilometern auch meinen allerersten Unfallbericht schreibe, ist wieder eine ganz andere Geschichte.
(Fortsetzung folgt irgendwann.)
Diese Geschichte gehört zum Epos “Wie ich den Weltfrieden schützte”. Bislang erschienen sind:



29. Juni 2012 um 09:57 Uhr
Hallo Mike, hat sich sehr unterhaltsam gelesen. Super.