Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Ich bin es ja gewohnt, dass nie etwas so klappt, wie ich es geplant habe. Und ja, deshalb hätte ich es ahnen können, aber dennoch glaubten wir noch, als wir nach unserem achtstündigen Flug endlich die Freiheitsstatue und die Skyline von New York sahen, nach kurzem Aufenthalt am International Airport Newark nach Detroit weiterfliegen zu können. Dass wir die nächsten sechs Stunden nun in einem kleinen Bereich des Terminal A verharren würden, wäre mir allerdings nicht eingefallen.
Wenigstens war ich gesegnet mit Kindern, die in Extremsituationen eine große Portion Geduld beweisen konnten. Doch alles andere? Unausgeschlafen, kopfschmerzig und knarzig, konnte ich nicht wie sonst den Familienclown mimen. Viel lieber hätte ich mich wie eine zweijährige einfach heulend auf den Boden geworfen und laut geschrieen.
Anfangs ließ man uns ja noch in dem Glauben, dass wir pünktlich um 2.40 p.m. weiterfliegen würden. Doch dann die verheerende Durchsage: Aufgrund eines verspäteten Abflugs von Newark nach Washington D.C., würde unsere Maschine zu spät wieder in Newark sein, um pünktlich nach Detroit zu starten. Verwirrt guckten mein Mann und ich uns an: WHAT?
Die Anzeigentafel war dann deutlicher:
Next Flight:
Detroit Metro Airport, WAS leaving 2.40 p.m. NOW leaving 5.30 p.m.
Sehr witzig. Nun gut, so hatten wir zumindest genug Zeit, in Ruhe einen Happen zu essen. Wir hatten auf dem Weg zu unserem Gate im Terminalhauptgebäude einige nette Lokale gesehen, die wir gern getestet hätten. Doch keine zwanzig Meter von unserem Sitzplatz am Gate stießen wir auf ein Problem. Sollten wir den Sicherheitsbereich, in dem wir uns gerade aufhielten, verlassen, hätten wir keine Garantie mehr, wieder zurück zu können. Denn unser boarding pass war bereits gekennzeichnet.
Ja, nee, is’ klar. Wie jetzt?
Der nette Sicherheitsbeamte teilte uns freundlich lächelnd mit, dass wir uns, falls wir den Sicherheitsbereich verlassen würden, damit abfinden müssten, dass man uns eventuell nicht wieder zu unserem Gate lassen würde. So langsam kickte meine leichte Klaustrophobie rein. Mir wurde bewusst, dass wir keine Wahl hatten, sondern bis zum Abflug, wann auch immer der sein würde, bleiben mussten, wo wir waren.
Nun gut.
Wir begnügten uns also mit dem einzigen Restaurant, was am Ende des Terminals vorhanden war. Kaum waren wir an unseren Tisch geführt worden, sollten wir auch schon bestellen. Das Essen ließ ein wenig auf sich warten, war dann, als es kam, lecker und frisch, doch, eingestellt auf eine möglichst schnelle Abfütterung, wurden uns die Teller fast unterm Essen weggezogen, weil man nicht mehr genug hatte. So war ich noch nie behandelt worden, hier, im Land des guten Services. Das war ja fast wie in Deutschland.
Kaum hatten wir den letzten Bissen hastig fertig gekaut, kam schon die Rechnung und schwupps waren wir schon wieder draußen. Wir stellten fest, dass wir a) noch nie so schnell in einem Restaurant gegessen hatten und b) es immer noch über drei Stunden bis zum Abflug waren.
Um 5.30 p.m. am Gate angekommen, war noch keine Maschine am Ende des Fingers zu sehen. Wilde SMS wurden zwischen unseren Abholern und mir hin- und hergeschickt, bis ich letztendlich um 6.30 berichten konnte: We ARE IN.
Wie groß war dann die Freude, als wir endlich in Detroit gelandet waren und von unserer Familie empfangen wurden. Es wurde umarmt, geredet, gelacht und auch geweint. Bedankt, gefreut und verwirrt geguckt. Eine Aufruhr an Gefühlen, ein Durcheinander an Sprachen und vor allem ein Gefühl der riesengroßen Erleichterung.
Nun noch zwei Stunden im Auto mit Smalltalk, Fragen und Erklärungen, wer was wann gemacht hatte und machen würde.
Langsam nahm unser Urlaub eine konkretere Form an und in mir machte sich ein warmes Gefühl der Dankbarkeit breit. Wir waren heil und sicher am Zielort angekommen, an dem Ort, an dem noch mehr Menschen auf uns warteten, sich auf uns und die gemeinsame Zeit freuten.
Das große Abenteuer konnte nun richtig beginnen.
Aber bitte erst nach einer heißen Dusche, viel Schlaf und einer Runde im hauseigenen Pool.
Text/Bild: Barbara Loelf

17. Juli 2012 um 12:00 Uhr
Hallo Barbara,
eine Situation, die allen Lesern egal in welcher Situation schon hier und da passiert ist – und von daher nur zu gut nachvollzogen werden kann. Trotzdem habe ich mich nach dem Lesen gefragt, was möchtest Du mir mitteilen?
Prost, Lift the Pints!
Daniel
17. Juli 2012 um 15:05 Uhr
Ich denke mal, dass Barbara den Auftakt ihrer Reise geschildert hat, über den sie in einigen Teilen berichtet. Hilft dir das weiter Daniel?
Bin auf die Fortsetzung gespannt, hoffentlich gibts was mit Jetlag.
17. Juli 2012 um 16:15 Uhr
Ein Reiseführer also?
Hmm!!!
Wenn er lustig wird, dann gerne.
Bin gespannt.
17. Juli 2012 um 16:27 Uhr
Lieber Daniel,
nein, mir ist diese Situation noch nicht passiert. Ich kann nur von Koffern, die um die Welt reisen, berichten. Um die Welt, ganz allein.
Und sonst so?
Ich freue mich ja immer, wenn ich etwas, was erzählt wird, nachvollziehen kann.
Ein leichter Auftakt in einen interessanten Urlaub. Ich bin auf die Fortsetzung gespannt und freue mich darauf.
17. Juli 2012 um 18:31 Uhr
Seitdem die Concorde nicht mehr fliegt, geht USA nur mit der eigenen Gulfstream und einer Stretchlimo. Diplomatenpass einstecken, sonst wird man für öffentliches Küssen auf der Straße oder sonstwas verhaftet.
17. Juli 2012 um 21:12 Uhr
Ich gebe ja schon Ruhe. Wie gesagt, die besten Liebesfilme sind die, welche einen 20-Minuten-Vorspann haben und bis zum Ende nicht verraten, ob er sich nun für sie oder ihre Mutter entscheidet. In den USA geht das ja bekanntlich beides… in einigen Bundesstaaten. Und vielleicht kommt Barbara dort vorbei und sieht Bernd, wenn er erst seiner Frau und dann noch der Schwiegermutter aus der Gulfstream hilft.
18. Juli 2012 um 00:19 Uhr
Es tut mir echt leid, aber ich denke, HIER werde ich ihn nicht sehen. Davison ist einfach nicht so, wie soll ich es sagen, das beliebteste Reiseziel. Egal fuer wen. Mich ziehen die familiaeren Bande hierher.
Auf Mackinac Island vielleicht, im Grand Hotel.
Aber da bin ich soo selten.
Ich fahre jetzt mit dem Beetle, dem Zweitwagen meiner Gastschwester, zum Einkaufen. Irgendwie schizophren, als Deutsche in Michigan, dem Geburtstsstaat des amerikanischen Automobils, einen Volkswagen zu fahren. Aber besser deutsch gefahren, als amerikanisch gelaufen (ich besitze nur noch amerikanische Schuhe, hab ich festgestellt).
In diesem Sinne…