Ich mag die Menschen
Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Denn ich mag die Menschen. Die Menschen mögen ist leider derzeit nicht in Mode. Mit diesem Makel muss ich leben wie mit einem fetten Pickel auf der Stirn. Ich hab’ auch dummerweise keine ziehende Begründung für mein seltsames Verhalten.
Wäre ich Pfaffe, könnte ich mich auf meinen Job berufen und die zehn Gebote, wo Menschen mögen bestimmt angeordnet wird. Wär’ ich eine dieser ständig um weltweite Gerechtigkeit, senegalesische Straßenkatzen und die Verwendung von biologischer Wandfarbe in Krematorien besorgten Großstadtmütter, würde meine unerklärliche Leidenschaft für Leute prima in’s verlogene Gesamtbild passen.
Nichts davon bin ich. Auch sind meine Augen soweit noch ganz in Ordnung. Ich hätte also allen Grund, zu hassen. Das tu ich aber nicht. Mein gelegentlicher Spott ist Ausdruck tiefster Liebe.
Da darf die winterbleiche Fettwulst sich in der vollbesetzten S-Bahn über den beängstigend angespannten Gummirand der Radlerhosen zwängen. Da kann mein Obermieter jeden und ich meine jeden Sonntag ab halb acht die Möbel rücken, um Staub zu saugen mit einem Sauger, der auch klopfen kann. Aber leider nicht die Uhr lesen und sich erst aktivieren lassen, wenn ich vor nicht weniger als sagen wir drei Stunden zur Haustür rein gekommen bin.
Da können sich Dämlichkeit, Unwille und mangelnde Manieren in einem einzigen Mensch vereinen, der mich 12 Mal in einer Stunde vergeblich anruft, nur um mich zu fragen, ob ich zufrieden bin mit meinem Telekom-Vertrag.
Das alles zündet keinen Groll in mir. Ich glaube, Menschen sind wie Flussperlmuscheln. Wenn eine junge Flussperlmuschel einen Zentimeter groß ist, gräbt sie sich für die nächsten sieben Jahre in den Bachgrund ein, um dort zu wachsen. Treffe ich wieder einmal auf einen ausgesprochenen Idioten, stell ich mir einfach vor, dass jemand diesen bedauernswerten Tölpel vorfristig aus dem Bachgrund ausgegraben hat. Nun liegt der Trottel schlammbesudelt in der Sonne und ist einfach noch nicht so weit. Das wird schon noch.
Man müsste ihn nur wieder tief vergraben.
Natürlich macht es mich nervös, wenn durch und durch erwachsene Menschen noch nicht so weit sind. Und es sind viele. Bisweilen denke ich, es werden immer mehr. Dann zieh ich mich zurück auf meine Insel und rechne aus, wie viele Bäche man wohl bräuchte und wie viele Bagger. Aber immer noch reicht das nicht für eine echte Abscheu.
Allenfalls für einen leisen Hauch Verwunderung.
Denn eines Tages stoßen wir alle mal beim Muscheltauchen auf eine Perle. Die Chance ist gering. Doch glaubst Du dran, dann wird es Dir geschehen. Du findest sie, die eine unter tausend Perlen, die Deinen Hals mehr schmückt als jedes Diadem. Und dann, ab diesem Augenblick, wirst Du die die krummsten Buckel schätzen, denn Du vermutest hinter jeder Muschelschale einen Perlmuttkern.
Ich traf den Mensch, der mich das lehrte, als ich der Tollpatsch war. Fürwahr, wie dämlich sah ich aus, als ich ihr nachts in einer üblen Kneipe sagte, dass sie es sei für mich? Und also lehnte sie mich ab und nahm mich erst viele Jahre später. So lieb ich heute sie und sie liebt mich und ich kann nicht anders als die Menschen mögen.
Vielleicht, weil ich zu dumm bin, um die Bosheit zu versteh’n, die manchen antreibt. Und so verrückt zu glauben, dass wir tatsächlich in der besten aller Welten leben.
Mit dieser Geschichte verabschiedet sich die Kostblogredaktion bis zum 3. September an den Baggersee. Wir wünschen allen unseren wundervollen Lesern, Förderern und Freunden einen ganz besonders schönen Sommer.



13. Juli 2012 um 10:39 Uhr
Schöne Geschichte… Ich liebe meine Perlen die ich in meinem Leben schon finden durfte.
Euch einen schönen Urlaub…und Danke für die lächelnden, nachdenklichen und spannenden Momente die ihr mir mit euren Geschichten bereitet habt.
13. Juli 2012 um 12:16 Uhr
Schönen Urlaub Großer…und.. es gibt eine schwer zu erfüllende Vorbedingung um Menschen zu mögen—Man muss sich selber mögen!
Also auch viel Spaß mit Dir!
17. Juli 2012 um 21:27 Uhr
3. September?
Welcher sich selbst liebende Angestellte in nicht selbstständiger Arbeit hat denn so lange Urlaub?
6 Wochen bekomme ich zusammen. Auf das gesamte Jahr gerechnet, wohlgemerkt. 10 Tage, also ca. 1,5 Wochen kann ich mir gemäß irgendeiner Gesetzgebung am Stück einfordern – wenn es hart auf hart kommt. Dann vielleicht noch einen Krankenschein nachschieben, aber auch der geht mal aus der Lohnfortzahlung raus und macht es einem zumindest finanziell nicht leicht.
Und Du, lieber Axel? Du sagst 3. September? Zerstörst somit die morgendlichen Gepflogenheiten von Millionen recht schaffender Arbeitnehmer? Lässt sie zurück? Zurück in einer lediglich von Arbeitskultur geprägten Welt. Einer Welt ohne Liebe, ohne Muschelperlen und ohne Kostblog?
Das rockt!
Na dann lass es Dir mal gut gehen, vergiss nicht die Badehose und den Weinführer. Aber vor allem: Nimm Sie mit, die Muscheltaucherin! Mit Dir hat sie es sich verdient (oh schön doppeldeutig, der Satz).
Prost, Lift the Pints, Gan bei und Mansei.
30. Dezember 2012 um 00:43 Uhr
Lebensweisheit und gewogene Worte. Wahrhaft schön. Und dazu einen guten Rosé und die Richtigen um sich herum.
Wie sagt Ihr hier? “Hut”!