Gott mag auch den Harz
“Wie hältst Du es eigentlich mit der Toleranz”, fragte ich Gott, als wir uns nach einer ziemlich langen Wanderung durch den Harz auf einer Bank am Wegesrand niedergelassen hatten. „Ach“, meinte Gott, sah sich vorsichtig nach anderen Spaziergängern um und zog, da weit und breit niemand zu sehen war, einen silbernen Flachmann aus seiner Umhängetasche.
Wir hatten von unserer Bank aus einen fantastischen Blick in ein Tal voller Bäume, das allen anderen Tälern, die wir an diesem Tag gesehen hatten, erstaunlich ähnelte. Mächtige Baumwipfel, ein in der Tiefe murmelnder Bachlauf mit munteren Moränen und die auf den satten Wiesen reichlich kitschig wirkenden Rehe ließen den geübten Betrachter argwöhnen, dass Gott bei der Schöpfung des Harzes nicht gerade seine kreativste Phase hatte.
„Ach“, setzte er nach einem kräftigen Schluck aus dem silbernen Fläschchen erneut an, „weißt Du, Toleranz, das ist ein Menschending. Ich kann mit Toleranz wenig anfangen“. Erstaunt guckte ich ihn an. Sollten die fanatischen Gottesanhänger Recht haben? War Gott eine wütende, strafende, ungerechte, selbstversessene Figur wie aus den bösesten Träumen des Hieronymus Bosch?
„Nein“, sagte Gott, noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte. Das erstaunte mich.
„Blödman“, sagte Gott, „glaub ja nicht, dass Du den Gedanken selbst formuliert hast“.
Klar, dachte ich mir, der hat mich ja voll im Griff.
“Ihr benutzt Toleranz gegenüber anderen als Instrument, damit Euch Eure Fehler verziehen werden.” Ich überlegte, ob das eine Beleidigung war.
Wem gegenüber sollte einer wie Gott auch schon tolerant sein? Wer quasi in allem steckt, was existiert und gleichzeitig zu allen Zeiten da war und immer sein wird, der hat ja niemanden, mit dem er sich streiten und wieder versöhnen könnte. Der kann auch schlecht über die Vergangenheit schimpfen oder der Zukunft gegenüber misstrauisch sein. Hat er ja alles selbst gemacht.
Kaum war mir klar geworden, wie unendlich einsam Gott sein musste, überkam mich eine riesige Welle des Mitleids. Ich schluchzte. Gott räusperte sich verlegen und hielt mir den Flachmann hin. Dann kramte er in seinen Hosentaschen rum und zog nach einer Weile einen kleinen runden Gegenstand heraus. „Guck mal, habe ich auf einer brasilianischen Müllhalde gefunden.“
„Was ist das“, fragte ich und versuchte ihm das Fundstück zu entreißen. Für einen Mann seines Alters drehte er sich erstaunlich behände zur Seite. Ich griff ins Leere und fiel fast von der Bank.
„Du bist albern“, grummelte ich. „Anders seid ihr nicht auszuhalten“, kam es zurück.
„Hier, lass es nicht fallen. Es ist ein Bild von mir. Die Brasilianer halten sich Gott sei Dank nicht an die lächerlichen zehn Gebote. Dafür mag ich sie.“ Ehrfurchtsvoll nahm ich das runde Ding in die Hand.
„Das ist ein Taschenspiegel, Du Einfaltspinsel“, empörte ich mich und tat so, als wollte ich den Müllfund ins Tal schleudern. „Meine Güte, was seid ihr begriffsstutzig“ murmelte Gott und grinste.
Ich glaube, er hat dann noch so was Ähnliches gesagt wie „die Menschen muss ich noch mal überarbeiten“, aber es kann auch sein, dass mich das Rauschen der Bäume getäuscht hatte. Ein frischer Wind war aufgekommen und wir machten uns auf den Weg ins Tal, bevor der Regen kam.



27. Juni 2012 um 12:35 Uhr
Ich klapper schon mit den Zähnchen vor Heiners strengem Kommentar.
29. Juni 2012 um 13:39 Uhr
Ist dier Text nun unzugänglich, rätselhaft oder interpretationsbedürftig ?
29. Juni 2012 um 13:42 Uhr
Wenn er Dir unzugänglich ist, lieber Bernd, dann hat er es nicht geschafft, Dich zu packen.
30. Juni 2012 um 16:18 Uhr
WIR sind EM Aussteiger, WIR sind Gott, WIR sind Er, Sie, Es, Du, Ich…göttlich!
30. Juni 2012 um 16:41 Uhr
Danke, Axel, nach drei Tagen VBS (Vacation Bible School) tut es gut, Gott mal wieder richtig kennen zu lernen.
Ich freu mich schon wieder auf ‘nen Spaziergang mit ihr.
30. Juni 2012 um 21:38 Uhr
Toll, Axel, was Du für Gesprächspartner haben kannst.
Nachdenklich machend allerdings SEINE Bemerkung „die Menschen muss ich noch mal überarbeiten“, nachdem er DICH kennengelernt hat.
Aber…sehr weise die Erkenntnis, dass Gott keine Toleranz kennt.
Denn wer liebt braucht dieses Hilfsmittel nicht, weil LIEBE alles versteht und alles verzeiht, wider besseres Wissen.