Goldrausch

Bild: Arielle Kohlschmidt (Fisch aus dem Lausitzer Goldfund von Vettersfelde)
Ich bin im Goldrausch. Gold, Gold, Gold. Das ist mein neues Mantra. Ich summe und denke es den ganzen Tag. Gold, Gold, Gold. Goldgräber, Goldschatz, Goldbarren, Goldrausch. Ich lese es in den Zeitungen, höre es im Radio und finde es im Internet. Gold. Wie ein Fieber. Nuggets klicken in der Hosentasche. Und nicht nur ich bin im Rausch. Die halbe Lausitz rauscht und träumt vom Gold, das hier im Boden liegt, das uns alle glücklich machen soll. Allen voran die brandenburgische Gemeinde Spremberg. Dort soll es aus dem Boden geholt werden das Gold, neben dem vielen Kupfer, das in den Tiefen schlummert. Denn deswegen wurde ursprünglich gebohrt.
Für die Spremberger hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Angesichts der erwarteten Geldflüsse denkt und plant man in die Zukunft. Man will Großes schaffen. Arbeit soll kommen. Viel Arbeit. Viele Arbeitsplätze. Bis zu 5000 Arbeitsplätze werden prognostiziert. Mindestens 1000 am Anfang. Der Wahnsinn für eine von Hartz IV und Abwanderung gebeutelte Region. Der Wahnsinn. Der Wahnsinn, der Wahnsinn. Auch ein Mantra.
Und dazu all die Honoratioren! Professoren, Präsidenten, EX-USA Botschafter, Minister aller Orten und Couleur, die die Spremberger umwerben, betören und den Bürgermeister schmeichelnd in seinem Gold-Kasperltheater beklatschen. Der Wahnsinn, der Wahnsinn, der Wahnsinn. Ein echter Albtraum. Ein ganz, ganz schlechter Traum für all die vom Gold Geblendeten und die, die nicht hören, sehen, sprechen wollen, denn es gibt viel zu erzählen über das Gold und die, die in der Lausitz nun das ganz große Rad drehen wollen.
Den großen Kuchen der Bergbaurechte hat ein Unternehmen aus Panama zugesprochen bekommen, das sich Minera S.A. nennt. Panama? Ja, richtig. Ein Paradies, wenn man eine sogenannte Offshore Company gründen will. Die Gründung einer S.A. Ist für 1500 Euro zu haben, also für ein paar Gold-Peanuts. Das, was man dafür bekommt ist allerdings doppelt Gold wert. Totales Bankgeheimnis, keine Steuern, volle Anonymität, keine Haftung und so weiter. Alles was sich ein rechtschaffener Kaufmann wünscht. Auch ein Traum.
Die Minera S.A. wiederum ist die Muttergesellschaft der KSL Kupferschiefer Lausitz GmbH mit Sitz in Spremberg. Die KSL ist eine saubere deutsche Bergbau GmbH, die – naja – zu einem fragwürdigen Mutterunternehmen gehört. Ein wenig PR Information findet sich dazu auf der KSL Homepage. Leider nur ein wenig.
Warum der Mitbewerber um die Schürfrechte, das polnische Bergbauunternehmen KGHM CUPRUM nicht zum Zuge gekommen ist, ist eine andere Geschichte. KGHM CUPRUM, vertreten von der renommierten deutschen Kanzlei Beiten Burghardt, ist ein Welt-Gigant in Sachen Kupfer- und Silberbergbau, aber die Cottbuser Bergbaubehörde war der Meinung, dass die Minera S.A. ihre Hausaufgaben besser gemacht habe. Dienstherr der Cottbuser Behörde ist das Ministerium für Wirtschaft und Europaangelegenheiten. Ihr Minister ist ein Linker, der EX-PDS Landesvorsitzende Ralf Christoffers. Christoffers hat die Minera durchgewunken und ihr Engagement laut begrüßt. Man fragt sich, warum ein Linker so ein Unternehmen begrüßt? Vielleicht ist es das Stichwort Bolivien und die enge Verbindung der DDR zur Revolutionärin Tamara Bunke, die in Bolivien starb? Oder Klaus Barbie? Sehr gruselig. Christoffers ist gestandener SED-Philosoph, was ihn nun wieder mit dem gleich zu beschreibenden Gonzalo Sanchez de Lozada verbindet. Der hat auch oft verkündet er sei Philosoph, was aber schlichtweg gelogen ist. Egal – Schwamm drüber – zurück zu Minera und zu Gonzalo Sanchez de Lozada.
Die Bergbauholding Minera S.A wurde in den 60er Jahren vom bolivianischen Diplomatensohn Gonzalo Sanchez de Lozada gegründet und wird bis heute vom Familienclan aus den USA geleitet. Ein Familienmitglied namens Sebastian Sanchez de Lozada ist den Gerüchten nach der kaufmännische Leiter der KSL in Spremberg.
Aus dem damaligen Diplomatensohn. Gonzalo Sanchez de Lozada wurde ein berühmter Mann, wobei hier nicht Ruhm, sondern unrühmlich stehen muss. Er wurde zweimal zum bolivianischen Staatspräsidenten gewählt und beendete seine ohnehin fragwürdige Politiker Karriere mit einem Ereignis, das als "Gaskrieg" oder "Schwarzer Oktober" ihn und sein gebeuteltes Land in die Weltöffentlichkeit brachte. Gonzalo floh in die USA, wo er bis heute lebt. Bolivien hat einen Auslieferungsantrag gestellt. Die Anklage lautet: Völkermord. Wie bitte? Ja, Völkermord. Verbrechen an der Menschlichkeit. Daneben gibt es in den USA und Bolivien noch mindestens 10 Zivilklagen von Menschen, die ihre Angehörigen in den Unruhen des Schwarzen Oktobers verloren haben. Die gegen Lozada laufende Klage vergleichen renommierte Rechtswissenschaftler mit den Verfahren gegen Pinochet, Marcos etc..
In der US Justiz schleppte sich das Verfahren hin. Gonzalo Sanchez de Lozada, kurz Goni genannt, hatte engste Verbindungen zur Bush- und Clinton-Regierung und neben besten Verbindungen zum israelischen Geheimdienst natürlich auch zur Kokain-CIA. Sein aktueller Anwalt (Greg Craig) ist für Barack Obama tätig. Der Großteil (17 Personen) seiner ehemaligen Minister weilt im Ausland (Peru, Spanien etc.) und steht auf der Auslieferungsliste der Bolivianer. Einer von Gonis ehemaligen Ministern ist Fernando Candia. Der konnte seinen Kopf retten und tritt heute und als mit offenen Armen empfangener Gast in Spremberg als Vorstandsmitglied der Minera S.A. auf. Candia ist nicht nur Ex-Finanzminister von Lozada, sondern auch Ex-Bankchef und praktischerweise der Cousin der bolivianischen Ex Staatssekretärin Caby Candia. Als Präsident der Minera gibt sich der in Kanada lebende Bolivianer Carlos Mirabal aus. Der war auch schon in Spremberg zum "wir grinsen in die Kamera und schütteln Hände". Mirabal hat eine ordentliche Karriere hingelegt und sich superreich geschürft. Und: Mirabal, Candia und Lozada machen zusammen schon lange Geschäfte, die in Bolivien für einigen Ärger gesorgt haben.
Und die Verfahren in den USA? Die Bush Regierung hat Lozada und seiner rechten Hand Carlos Sanchez Berzain 2008 politisches Asyl gewährt, damit diese nicht an Bolivien ausgeliefert werden müssen. Mit der Begründung, dass sie dort kein gerechtes Verfahren erwarten würde. Na sowas. Was soll man schon als ehemaliger Staatspräsident erwarten, wenn man die Verantwortung für den Tod von rund 60 Menschen hat? In Bolivien ist das Verfahren weiterhin anhängig.
Dazu ein Filmtip: Der Dokumentarfilm "Our brand is crisis" zerlegt den letzten Lozada Wahlkampf in 2002 – inklusive seiner amerikanischen Wahlkampfberater, die auch für Bill Clinton unterwegs waren.
So ist das mit dem Goldrausch. Gold. Gold. Gold und Arbeitsplätze. Oder auch nicht. Der MDR Sachsenspiegel berichtete, dass die KSL in den ersten Jahren wohl importierte Bergleute einsetzen würde. Dann kommen womöglich leidgeprüfte Billig-Bergbauarbeiter aus China in die Lausitz. So hat das schon die Türkei vorgemacht. Vielleicht kommen auch Ukrainer oder Menschen aus Südafrika. Deutsche Bergleute sind viel zu teuer.
Wer der englischen und spanischen Sprache mächtig ist kann sich noch weit tiefer in die Materie einlesen. Allein der oben genannte Gaskrieg ist eine Horror-Story für sich. Interessant dürfte es auch sein, herauszufinden, warum das polnische Großunternehmen KGHM CUPRUM nicht zum Zuge kommen soll, darf, muss. Und wieso öffnet ein Linker der bolivianischen Unterdrücker- und Ausbeuter-Elite Tür und Tor?
9 Milliarden schwer wird der Wert dessen geschätzt, was aus dem Boden geholt werden soll. Der Spremberger Bürgermeister Klaus-Peter Schulze meint, dass "zwei Drittel in der Region bleiben". Das ist doch mal ein Glaubensbekenntnis. Das ist doch eine Antwort. Und wenn etwas schief geht, na dann wird die KSL GmbH elegant gegen die Wand gefahren und die Minera S.A. muss in die Haftung gehen. Sorry. Geht ja nicht. Die haftet ja als panamesische S.A. nicht.
Mal ehrlich: Wer will denn solche Leute im Land haben, wenn es vernünftige Alternativen gibt?

8. Februar 2011 um 09:40 Uhr
Wo genau in Spremberg ist das? Ich wollte es mir nur nur mal anschauen, kleiner Spaziergang, ich und mein Highbanker (http://www.goldminer.at/motor.htm).
9. Februar 2011 um 00:58 Uhr
“Wo keine Hoffnung ist, da muss man sie erfinden.” – alter Systemiker-Gebetsspruch.
10. Februar 2011 um 12:35 Uhr
Fluch und Segen einer Landschaft: “Das Gold der Lausitz“. Ein wunderbares und hörenswertes Feature von MDR Figaro 2011.
14. Juli 2011 um 20:22 Uhr
Was ist nun daraus geworden?
24. August 2011 um 14:14 Uhr
Still ruht der See, Daniel. Wir haben noch keine goldenen Wasserhähne. Allerdings hat die KSL mittlerweile auch Schürfrechte.