Frank macht reich
Im Deli, direkt gegenüber der stillgelegten Raketenbasisstation, macht sich Unruhe breit. Frank ist verschwunden. Normalerweise taucht er immer in der ersten Pause von Richterin Salesch auf und holt sich seine Dose Brühreis. Heute fehlt jede Spur vom Mischling mit der kurzen Rute. „Ruft mal jemand beim Bürgermeister an?“, fragt Irmtraud, die gute Seele mit der immergrünen Kittelschürze in den leeren Verkaufsraum.
In ihrer Not greift sich die 84jährige Umschülerin einen Teekessel, der seit der Insolvenz der Soroptimisten keinen Abnehmer findet. Irmchen, wie hier niemand zu ihr sagt, füllt das Behältnis mit Wasser und stellt es auf die Motorhaube des wild parkenden Sapporosch. Ganz schön viele Grad im Schatten und der strenge Blick der ehemaligen Synchronschwimmerin wirken: Es kocht. Ein schrilles Pfeifen schreckt die Bevölkerung von Großfeld am Rinnstein auf. Alle kommen sie. Wie Börge, der schmächtige Randkanadier mit dem gepflegten Dreihunderttagebart. Oder Raissa, die Schwester und Exfrau Börges. Selbst Ronny, der Leiter des hiesigen Arbeitsamtes, unterbricht flugs seine Konferenz mit der rassigen Sekretärin auf Seite 11 des St. Pauli Magazins. Sein Binder hat sich im Hosenstall verfangen. „Das hätte ja ganz doof ausgehen können“, lacht er und haut Jean-Baptiste, dem schrulligen Klempner, der finnischen Jazz und Leberwurstfülle liebt, übermütig auf die Schulter.
„Wo ist der Bürgermeister?“, will Irmtraud wissen. Der holt gerade eine depressive Katze vom originalgetreuen Nachbau der Seufzerbrücke, die am anderen Ende des Ortes steht. Als endlich mal jemand fragt, warum es denn hier so schrill gepfiffen hat, kommt Irmtrauds großer Auftritt. Ausführlich stellt die siebzehnmalige Mitarbeiterin des Monats ihre Verkaufsstelle vor. Zeigt auf den Tresen, auf den Frank immer seine Pfötchen gelegt hat und imitiert dank ihrer nebenberuflichen Selbständigkeit als Souffleuse sein Schwanzwedeln täuschend echt. Erzählt mit Tränen unter den Achseln von ihrer mühsamen Arbeit. Wie sie da steht, tagein, tagaus. Und niemand kommt. Außer Frank.
Ad hoc gründen die Rumstehenden zwei Vereine. Der „Frank ist weg e.V.“ wählt Gigi in Abwesenheit zur Vorsitzenden und informiert sie durch einen Sofortaushang am Schwarzen Brett von ihrem Glück. Sie wird die Nachricht bereits nächste Woche lesen. Bis dahin hat sie Nachtschicht im Einwohnermeldeamt, das zehn Autostunden entfernt liegt. Damit ist dieser Verein zunächst nur bedingt handlungsfähig und vertagt nach dreistündiger Beratung die Suche nach Frank. Umso zügiger geht der „Pro-Einzelhandel-Großfeld a. R. e.V.“ ans Werk. Irmtraud stellt sich freiwillig als Vorsitzende zur Verfügung und bekommt die Einzelvertretungsvollmacht.
Zufriedenheit macht sich breit. Aber auch Durst und Hunger. Im Nu ist der Deli ausverkauft, finden Bockwurstgläser, Nudossi-Eimer, Gurkenfässer und Sangria-Tuben neue stolze Besitzer. „Dieses Cross Over Guerilla Marketing hat doch prächtig funktioniert“, sagt Frank beim Abendbrot, nachdem er sein Versteck im frisch renovierten Atommüllendlager verlassen hat. Morgen wird Peter gesucht, der Kanarienvogel aus Mosambik, der eigentlich mit dem Dreier-Bus ankommen sollte.


14. Juli 2011 um 11:06 Uhr
Das ist die Wiederauferstehung von Albert Camus. Anarchische Literatur, die schwindelig macht. Meinen tosenden Applaus, Mike Altmann, für dieses Prachtstück absurden Schreibens an der Bahnsteigkante ins Nichts.
14. Juli 2011 um 11:53 Uhr
…irrgenwo anzusiedeln zwischen Dadaismus und Ottokar Domma.
14. Juli 2011 um 12:06 Uhr
Ich möchte Herrn Altmann küssen. Auf’s Haupthaar. Wird wohl nix.
14. Juli 2011 um 13:16 Uhr
Seit 12:06 wird wachsen gelassen.
14. Juli 2011 um 13:18 Uhr
Etwa DER Ottokar Domma? Was für ein Kompliment für den Mann! Kleiner Service für unsere westeuropäischen Freunde: http://www.eulenspiegel-verlag.de/autoren-1/autor/186-Ottokar_Domma.html
14. Juli 2011 um 13:57 Uhr
Welcher denn sonst? Es gibt nur einen Ottokar Domma!
14. Juli 2011 um 14:16 Uhr
Wie toll, Mike. Ich lasse ja auch wachsen.