Fische im Schnee
Kürzlich pinkelte ich beim Besuch meines alten Freundes in eine edle keramische Schüssel mit einem Deckel aus Ahornimitat, als mir recht lustige Gedanken kamen. Ich kann mich nicht mehr an die Gedanken erinnern, die Waschmaschine lief und spülte alles weg. Dazu sang ein kubanischer Sänger unendlich traurige Lieder. Es war ein schöner Samstagnachmittag im Januar, der Regen vermischte sich gerade mit schwerem Schnee. Ich hatte mich an diesem Morgen noch im Bett dazu entschieden, eine Niere zu spenden, dann aber meine Zähne mit Wirkzahncreme geputzt und den Gedanken verworfen.
In dem Badezimmer, in dem ich meinem Geschäft mit dem Ernst alternder Männer nachging und tat, was ein Mann tun muss, standen zwei winzig kleine Schuhe mit einem Fisch drauf. Der Fisch hatte dicke gelbe Lippen, links wie rechts. Er erzählte mir eine Geschichte, der Fisch, eine Geschichte von Vaterstolz und Hausaufgabenkontrolle und Sonntagen im Zoo. Stunden zuvor war ich im Stadtpark unterwegs, ich weiß nicht mehr, warum. Am Denkmal für den Schuster Jakob Böhme hatte ich geweint. Dann nahm der Tag eine irre Wendung.
Mag sein, dass meine Hausfrisöse daran Anteil hatte oder die dicke Tüte mit gerösteten Toastbrotstücken, die wir geraucht hatten. Eigentlich wollten wir uns Rinderfilets zubereiten mit drei Saucen. Curry-Banane, Kräuter und Tonnato-Crème. Aber das Fleisch war verdorben, es schimmerte grünlich und roch wie die Abschabungen nach einer Knochendichtemessung. Wir schmissen es mit heiteren Gesängen aus dem Fenster und glucksten vor Glück, als es auf dem Balkon der Michalkes landete.
Michalkes hatten vor zwei Wochen Welpen aus dem Tierheim zu sich nach Hause geholt, die sie mit Wellfleisch aufzogen. Die kleinen Wollknäuel stürzten sich quiekend auf die Beute und unser Hunger nach exotischen Abenteuern war für’s erste gestillt. Opa Michalke, der in einem Zeitungsartikel mal als verjährter Verehrer jenseits des Verfallsdatums beschrieben worden war, zog derweil seelenruhig weiter an seinem stinkenden Stumpen. Was, fragten wir uns, was trieb wohl einen jungen Journalisten zu so einem üblen Vergleich. Hatten die Maya, als sie den Weltuntergang vorhersagten, vielleicht genau diese Bilder vor Augen? Würde zur Enttäuschung vieler gar keine reinigende Welle die Menschheit wegspülen und sich auch kein Erdspalt auftun, der uns alle gnädig in die Tiefe riss? Würden wir alle nur wie die Rinderfilets grünlich schimmern und übel riechen und kulturell vergammeln?
Kurz wurde uns schlecht. Wir beschlossen, dem Schokoladenweihnachtsmann, der auf der Kommode stand, ein paar elegante Tangoschritte beizubringen. Das glückte. Unvorsichtig geworden, dachten wir uns weit schwierigere Aufgaben aus. Nichts schien uns unmöglich. Alles gelang. Gott rief an. Er grummelte. Mein Gott, schrieen wir ins Telefon und schlugen Purzelbäume auf der Auslegware. Dann setzte sich der nackte Affe Angst auf meinen Rücken und hieb seine scharfen Krallen in meine schmalen Schulterblätter. Was in Dreiteufelsnamen und bei der heiligen Gottesmutter Maria frisst so ein Affe, fragte ich mich, während das Blut sich warm und erlösend über der Wirbelsäule ergoss. Bananen und hart gekochte Eier wie alte Frauen im Zugabteil, kaum dass die Lok anruckelt?
Inzwischen hatte das Tier sich erleichtert, wer wollte es ihm verdenken? Affenurin, Eigenblut und Angstschweiß erfüllten den Raum. Auch umschwirrten einige Fruchtfliegen unsere Gläser. Fruchtfliegen sind im Januar noch widerlicher als sagen wir Mitte August. Schlagartig waren wir wieder hungrig. Wir schmierten Schnittchen. Der Tag war ja noch jung. Als wir die Jacken überstreiften, kam uns eine wunderbare Idee. Wir steckten vorsichtig zwei Meerschweinchen und etwas Salpeter in die Tasche und zogen fröhlich in die Nacht.


25. Januar 2012 um 18:35 Uhr
Poesie. Reine Poesie.
26. Januar 2012 um 11:14 Uhr
Glück. Reines Glück durchströmt mich, Ingolf.
Danke und einen ganz herzlichen Gruß an die liebe Frau Mama.