Elternabend Cabo Verde
Jasmins Sessions im “Tantra Tempel” begannen stets mit einem Zerren an den Extremitäten und harten Griffen, die ich der Osteopathie zuordnen würde. Jedes mal knackte und knarrte etwas, aber nach dem bösen Geräusch fühlte sich die betreffende Partie besser an, so als wären Blockaden gelöst worden. Dann suchte Jasmin shiatsumäßig Druckpunkte am ganzen Körper auf, oft an Stellen, die ich anatomisch eher weniger interessant finde. Es schloss sich die “Good Vibrations”- Phase an. Der ganze Body wurde zuerst in ausladenden Schwüngen und dann in immer kleineren Aplituden auf dem Futon hin und hergerollt.
Man hatte den Eindruck, wie die E-Saite einer gut gestimmten Stratocaster von “sustain” nach “decay” auszuklingen. Durch Handauflegen bekam ich auch noch einen heißen Strahl in das Steissbein, der sich über die Wirbelsäule langsam fortpflanzte. Oben angekommen, stellten sich nach diesem Slide über mein anatomisches Griffbrett sämtliche Nackenhaare auf und das Blut rauschte in den Ohren. Sogleich durfte ich mich umdrehen und es begann eine leichte, später energischere Massage zur Konzentration der Fluide in der Körpermitte, wobei Jasmin besonders in vertikaler Aufbauarbeit immer erstaunliche Ergebnisse generierte.
Heute ist der erste Elternabend in Tareks neuem Gymnasium. Veranstaltungsort: Klassenraum. Alle Lehrerinnen und Lehrer stellen sich sukzessive vor. Wir Eltern lauschen gerade dem Vortrag “SiKoRe” (Sicher-Kopf-Rechnen), einem definierten Lernziel der Mathematik des ersten Quartals. So richtig konzentriert auf den Vortrag von Frau Studienrätin Rübenacker bin ich nicht. Schräg gegenüber sitzt nämlich Jasmin. Sie hat also auch ein Kind in der Klasse 5b. Es gab natürlich keine “Jasmin” auf der rumgereichten Anwesenheitsliste, aber einen portugiesisch klingenden Nachnamen.
Sie hatte mir erzählt, dass ihre Eltern vor 40 Jahren von Kap Verde nach Deutschland emigriert waren und wir hatten auch über die Musik von Cesária Évora gesprochen. Überhaupt hatten wir einige freundschaftliche Gespräche, wenn Zeit war. Die Eltern von Jasmin hatten durch eine Denunziation die Steuerfahndung am Kragen, weil der Fischimport ihrer Eltern wohl zu gut florierte, als es die deutsche Konkurrenz zulassen konnte. Einmal schenkte sie mir ein Tütchen mit koreanischem Ginseng mit der Bitte (kicher) um regelmäßige Einnahme, weil sie es mir in der nächsten Session gleich viermal besorgen wolle. Ich erwiderte (kicher), dass man dann wohl das Zimmer neu streichen müsste, worauf sie dann (lachend) sagte, die Farbe gefalle ihr aber sehr gut und sie würde deswegen alle Eruptionen einfach runterschlucken.
Nun ist Herr Sandor für das Fach Erdkunde dran. Er sieht aus wie Sky du Mont. Das Schuljahr startet mit dem Thema “Die Kontinente”. Den Kindern möge für zuhause ein vernünftiger Globus gekauft werden. Alle Mütter und Väter schreiben also brav “vernünftigen Globus kaufen” auf. Als ich vom Blatt wieder hoch sehe, natürlich in Richtung Jasmin, treffen sich unsere Blicke. Ich werde nicht als erster wegsehen und setze den Gesichtausdruck heiterer Gelassenheit auf, den mir mein Psycho-Coach für solche Situationen beigebracht hat. Jasmin hält auch den Blick und geht in Gedanken wohl der Frage nach, woher sie mich kennt, woran sich die Frage anschließen könnte, ob sie zeigen soll, dass sie mich kennt, jedenfalls auf einem Elternabend in unserem oberspießigen Stadtteil. Schon fange ich an, die Situation zu bedauern. Ich will Jasmin keineswegs in Verlegenheit bringen.
Unsere letzte Session ist schon länger her. Vor zwei Jahren brannte der Tantra Tempel, der seinerzeit unstreitig beste Massagesalon unserer Stadt, leider vollständig aus. Den Zeitungen, die sich über den Fall hermachten, war zu entnehmen, dass Massageöl in Brand geraten war, vermutlich durch eine umgefallene Kerze. Den Rest konnte ich mir zusammenreimen. Die schweren Seidenvorhänge, der stets glänzende Holzfußboden, in jedem Zimmer Flaschen mit angewärmten Massageöl und wieder jede Menge Kerzen, dann die stets gut aufgeschüttelten Futons und auch noch diese “falschen Kamine”, die mit einer brennbaren Flüssigkeit funktionieren. Die ganze Bude war ein einziger Brandbeschleuniger. Die Presse schrieb von “Leichtverletzten” und gab hauptsächlich ironische Kommentare ab.
Bevor Jasmin fertig mit Nachdenken und unserem Augenkontakt ist, hat Sky du Mont den Kartenständer mit den Landkarten umgerissen und der Knall beim Aufprall in Verbindung mit den Gedanken an die Flammenhölle im Tantra Tempel lassen mich mit einem Stöhnen von meinem Stuhl hochfahren. “Feuer-Drama bei Elternabend”, steht morgen in den Blättern. Ich bin der Einzige der in den Stand gesprungen ist, weil alle anderen Mütter und Väter gehorsam nach vorne zu Sky du Mont gesehen haben und sie der Knall nicht überraschte, da sie dem Kartenständer beim Fallen zusehen konnten.
Ich sehe wieder rüber zu Jasmin, die ja auch nicht aufgepasst haben kann, weil wir unser Outstaring am Laufen hatten. Sie erwidert meinen Blick aber derzeit nicht, weil sie wegen meines Schreckanfalls einen Lachanfall hat und sich jetzt die Hände vor das Gesicht hält. Ich setzte mich also wieder hin, ziehe meine Krawatte stramm und nehme mir fest vor, von jetzt ab Sky du Mont mit dem Gesichtsausdruck heiterer Gelassenheit konzentriert zuzuhören. Das gelingt mir 20 Sekunden, dann muss ich an den Film “Eyes wide shut” denken. Schon wieder Schweinkram mit Sexorgien, Nutten und ehebrecherischer Fantasien. Immerhin der letzte Film von Stanley Kubrick. Sky du Mont durfte in dem Film Nicole Kidman anmachen. Ich komme ums verrecken nicht auf den Namen seiner Filmrolle. Irgendetwas ungarisches mit einem Adelstitel dabei. Mir fällt nur immer “Domino” ein. Dass war die Dame käuflicher Zuneigung, mit der Tom Cruise in EWS loslegen wollte.
Jasmin ist das genaue Gegenteil von Nicole Kidman. Üppig, amazonenhaft groß und athletisch. Ein Teint wie Seide mit goldigem Schuss- und hellbraunem Kettfaden. Das Gesicht so ein bisschen oder doch eher überwiegend, wie Hale Berry, um bei den Schauspielerinnen zu bleiben. Weiße Zähne, große Augen, alles wunderbar. Als Frau Hilgenbaum, die Deutschlehrerin und zugleich Klassenlehrerin und zugleich Englischlehrerin von Tarek ist, dem Forum darlegt, dass sie in beiden Sprachen besonderen Wert auf einen “großen Wortschatz und eine richtige Grammatik” legen würde, wage ich es, wieder zu Jasmin rüber zu schielen.
Als sich unsere Blicke begegnen, bekommt sie wieder einen Lachanfall und ich muss mitlachen und kann mich gar nicht wieder einkriegen. Bei Jasmin gibt es jetzt auch kein Halten mehr und sie bricht in schallendes Gelächter aus. Jetzt schnappe ich von Frau Hilgenbaum auch noch das Wort “Plusquamperfekt” auf und kriege dann vor Lachen keine Luft mehr, weil alles auf einmal so völlig absurd ist. Ich beschließe “vor die Tür” zu gehen, bevor ich rausgeworfen werde, was ja in meiner aktiven Schullaufbahn häufig genug vorkam.
Auf dem Flur ist keiner außer mir. Jasmin poltert zehn Sekunden später durch die Klassentür. Als wir uns begegnen, geht der Lachanfall weiter. Um der Komödie ein Ende zu bereiten, packt mich Jasmin mit der linken Hand sanft im Schritt, drückt mich mit ihrem Körper sanft aber bestimmt an die Wand und schiebt mir ihren rechten Zeigefinger in den Mund. Lachanfall ist beendet. Oben glatter Nagellack, Finger selbst schmeckt cremig salzig. In wie viel backdoors mag er wohl schon gewesen sein. Male G-Spot, großes Thema. “Glücklich werd´ ich nirgendwo, der Finger rutscht nach Mexiko”, singt Rammstein in “Sehnsucht”. Ich werde jetzt ganz rappelig. Man müsste den Schlüssel zum Sprachlabor haben, um es da auf dem Teppich (lofotengrüne Schlingware, vor dem Elternabend war Führung durch die Schule) zu treiben.
Jasmin stellt aber Verlegungsantrag auf unbestimmte Zeit : “Wir gehen da jetzt wieder rein und kein Lachen mehr” herrscht Jasmin mich an. Dabei lächelt sie aber ihr sanftes Lächeln. Der Finger wird gedeckten Apfelkuchen auf einem Pappteller festhalten, sollte Jasmin zum Kuchenbuffett beim Sommerfest vom Gymnasium eingeteilt werden. Dann schmeckt er süß von der Zuckerglasur, wenn man ihn ableckt. Es sind immerhin acht Sommerfeste bis zum Abitur. Ich stimme mit dieser Perspektive dem Verlegungsantrag durch mehrfaches langsames Nicken zu, den Finger noch im Mund, die Zunge schön an der Unterseite längs glitschen lassend, so, als würde ich ihn blasen.
Alle Eltern der Klasse 5b sind total fasziniert von der digitalen Pylonenklappschiebetafel, deren Funktion der Kunstlehrer gerade präsentiert, weshalb unsere Rückkehr in den Klassenraum keine besondere Aufmerksamkeit erregt. Für den Fall, dass mal jemand wegen der Kaputtlach-Szene dämliche Fragen stellt, sage ich, dass Jasmin und ich uns aus der Tourette-Selbsthilfegruppe kennen. Das erklärt dann alles und der Frager muss beschämt zu Boden sehen, weil er uns auf unseren Tic angesprochen hat.
Lernziel des Kunstunterrichtes in diesem Jahr ist “Gestalten” definiert als: “Veranschaulichen der eigenen Vorstellungs- und Phantasiewelt, Ausgestalten von z. B. Erlebnissen, Beobachtungen, Träumen, Märchen, Legenden z. B. in Zeichnung, Malerei, Plastik, Modellen, digitalen Medien und szenischem Spiel”. Ach schön ! Dem Kunstlehrer kann ich gut folgen. Er hat Ähnlichkeit mit Vin Diesel, finde ich. Das muss ich Tarek erzählen. Vin Diesel hat er besonders gern.
Text: Jack Sparks


18. Januar 2012 um 18:42 Uhr
Buoooahhh! Großes Kino!
18. Januar 2012 um 19:38 Uhr
erotisch und köstlich…, wann ist der nächste Elternabend?