Die ganze verdammte Wahrheit
Neulich war ich wieder mal in ein Gebet zum lieben Herrn Jesus vertieft. Ich dachte so inständig an ihn und an einige dringend zu lösende Probleme steuerrechtlicher Art, dass ich nicht hörte, wie Schritte auf mich zukamen. Was soll ich sagen, der liebe Herr Jesus stand leibhaftig vor mir. „Ey Krüger, gehen wir einen trinken?“, fragte er mich. Ich: „Amen“, weil das sagt man ja zum Herrn Jesus normerweise.
Die Kneipe war schon halbleer. Wir setzten uns an den Tresen. Von hier aus hatten wir einen guten Blick auf die anderen Gäste, was mir aus irgendeinem Grund wichtig erschien. „Zwei Drinks für mich und meinen, äh, Freund“, sagte ich zum Barkeeper. Hätte ich „für den lieben Herrn Jesus“ sagen sollen? Die hätten mich doch weggebracht.
„‘n Schnaps?, fragte der Zapfknecht zurück. Schnaps schien mir unangemessen, irgendwie. Ich: „Nee, lieber Rotwein.“ Rotwein, dachte ich mir, Rotwein ist okay für den lieben Herrn Jesus. Fünf Gläser später guckt der mich aus glasigen Augen an und sagt: „Ey Krüger, jetzt sollst Du die ganze Wahrheit erfahren.“
Ich so für mich: Ja wie, ja was denn, wie jetzt? Alles? Ich meine, das konnte der doch jetzt nicht bringen, mir hier nach fünf Rotwein die ganze Wahrheit und so. Aber, wie ich das gelernt hatte, sage ich noch: „Amen“. Was dann kam, war ein verdammter Fehler. Es war ein Fehler. Ich hätte den Whiskey nicht noch trinken sollen. Andererseits: Wann bin ich schon mal mit dem Herrn Jesus in der Kneipe und erfahre die ganze Wahrheit?
Und jetzt kommt das dicke Ende: Ich weiß einfach nicht, wie es weiterging. Scheiße, und nochmal Scheiße – ich hab einfach keine Erinnerung mehr. Ich wollte den so viel fragen. Urknalltheorie, unbefleckte Empfängnis, wie das wirklich ging mit dem Gang über‘s Wasser, wo der Zusammenhang von Frauen und Schuhe kaufen herrührt, wie sie da oben zum Boykott der Fußballeuropameisterschaft stehen, ob alle, die sich für die ukrainischen Straßenhunde aufreiben tatsächlich in den Himmel kommen. Und vor allem wann. Und warum sein Vater mich mit verdammt noch mal diesem dicken Doppelkinn bestraft hat.
Vielleicht hab ich die Fragen ja alle gestellt. Vielleicht hat der liebe Herr Jesus sie ja auch mit seinem leicht spöttischen Blick beantwortet und mir dabei ganz nebenbei die Kippen weg geraucht. Der qualmt nämlich gar nicht mal wenig. Und wie alle Kinder, die sich egal wie alt sie sind, nicht richtig lösen können von zu Hause hat er Pfefferminzkaugummi einstecken gehabt. Auf jeden Fall waren sie alle, die Kippen, am nächsten Tag. Und auf der zerknautschten Packung wieder mal nix, keine Telefonnummer. Keine Adresse. So geht’s mir eigentlich meistens nach durchzechten Nächten. Das mit den Telefonnummern auf der Packung gibt’s vermutlich nur in Hollywood.
Was ich so mache, hat er mich gefragt, das weiß ich noch, warum auch immer. Ob ich die Wale rette, wollte der Herr Jesus wissen. Da war er gerade an den Richtigen geraten. „Nein“, blaffte ich ihn an, „ich hab mich für die ganze Welt entschieden. Das schien mir meiner angemessen. Da wär ich so Tim-Bendzko-mäßig. Und natürlich die Wälder, die Wälder würd‘ ich auch retten, weil ich so gerne durch die durchlaufe, um meinem verdammten Doppelkinn die Möglichkeit zu nehmen, mir komplett den Brustkorb zu verschatten. Wenn aber die Wale in die Wälder kommen würden, dann wäre ich auch gerne bereit, die mit zu retten. Blöd nur, dass, sobald die Wale in die Wälder wollen, Greenpeaceaktivisten und dicke Singlefrauen an den Strand laufen und sie zurückschubsen in’s kalte dunkle Nass.
Soweit ich mich erinnere, war das der Moment, wo Jesus „zahlen“ sagte. Ich winkte müde ab. „Lass mal, es ist mir eine Ehre. Echt.“ Die Putzfrau hat mich aufgeweckt. Sie war sehr höflich. Ich eher nicht. Da schläft man einmal aus Versehen ein und soll im Berufsverkehr sein Rad nach Hause schieben. Beim Raustreten an die frische Luft kam es wie ein Hammer aus den Wolken: Eh, du bist hier nicht mal eben abgestürzt – - – du warst mit dem Herrn einen trinken!
Jetzt hab‘ ich ein Problem. Soll ich vielleicht zum Psychiater gehen und sagen: „Eh, Psychiater, ich war mit dem Herrn Jesus einen trinken, wir sind aber abgestürzt und ich konnte die ganze Wahrheit nicht erfahren? Das wär‘ sie, meine Eintrittskarte in die Klapper. Oder soll ich für den Rest meines Erdendaseins vielleicht einfach weniger trinken? “Nee, Jesus, altes Lederohr. Die Strafe kannst Du nicht wirklich wollen. Nicht nach so einem feinen Abend mit mir.”
P.S.: diese Geschichte widme ich Torsten “Stöv” Schönfelder und Robert Gernhardt. Die beiden wissen schon, warum.
Bild: flickr/Mädchen aus Ostberlin



13. Juni 2012 um 12:19 Uhr
“Ob ich die Wale rette, wollte der Herr Jesus wissen.”
Diese Frage ist der Schlüssel zur Geschichte, Axel. Herr Jesus würde sie nicht stellen.
Warst Du vielleicht mit Claudia Roth in einem ihrer unbeschreiblichen Hosenanzüge unterwegs? Das würde die Menge an Alkohol erklären
13. Juni 2012 um 12:23 Uhr
Dass mir der theologisch sattelfeste Kollege Heiner auf die Schliche kommt, hätte ich mir ja nun wirklich denken können.