Das Heimchen an der Decke
Ein aufgeregter Anruf meiner Mutter, es ist 7.25 Uhr an einem Montagmorgen, gefühlt viel zu früh für irgendwas:
Hör mal selbst.
Der Hörer an anderem Ende wird in die Luft gehalten.
Ein kurzer, aber deutlich hörbarer FIEEEEEP-Ton schrillt durchs Telefon. Auf meinem Gesicht formt sich ein Fragezeichen: What the hell…
Dann wieder die stolze Stimme meiner Mutter, leicht kurzatmig vor Aufregung: Das ist ein Heimchen. Künstlerische Pause. Weißt Du, was das ist?
Mir fällt nur das Heimchen am Herd ein. So als Ausdruck. Nicht als tatsächliche bildliche Vorstellung.
Nein.
Ich hab das nachgeguckt. Im Brockhaus. Kenn ich ja eh von früher. Davon hat uns MEINE Mutter schon immer erzählt.
Ich sitze da und denke: Sei geduldig, sie wird es Dir gleich sagen.
Das ist eine Art Grille. Der ist es zu kalt draußen und dann kommt sie ins Haus und bleibt da auch.
Ich nicke zustimmend. Wenn schon meine Oma das wußte, kann ich ja auch nichts dagegen sagen.
Meine Mutter hat keine Haustiere, also keine weiteren, also gönne ich ihr ihr Heimchen.
Aber nein, das ist es nicht, was von mir erwartet wird:
Guck mal selbst im Internet, da gibt es bestimmt eine „Heimchen“-Seite, oder?
Da ich eine brave Tochter bin, lege ich auf, nachdem ich mich pflichtschuldig beeindruckt verabschiedet habe und schmeiße den Rechner an.
Heimchen. Wikipedia. Ja, gibt es. Da steht nicht mehr, als meine Mutter schon aus ihrem über 40 Jahre alten Brockhaus-Lexikon weiß. Dem 24bändigen. Mit mehreren Ergänzungsbänden. Damals beim Bertelsmann-Buchclub bestellt und lange gesammelt.
Die nächsten zwei (!) Wochen sind von Erzählungen über die Erlebnisse mit ihrem Heimchen geprägt. Jeder Nachbar weiß inzwischen Bescheid, jedes meiner Kinder hat das Heimchen schon besucht, es nie gesehen, aber es immer wieder gehört. Fernsehabende bei meiner Mutter sind geprägt von vielen Decken, denn wegen des Heimchens bleiben die Türen nach außen auf und es ist noch kalt in Deutschland zu diesem Zeitpunkt. Aber keiner möchte Schuld daran haben, dass das arme Heimchen verhungert oder sich womöglich aus lauter Langeweile selbst tötet.
Alle ein, zwei Tage wird noch mal ein wenig geforscht. Mehrere, meist erwachsene Menschen diskutieren ernsthaft, aus welcher Ecke des Flures nun die Laute des Heimchens kommen. Mal vermutet man es in der Nähe der Treppe, dann wieder eher in Richtung des Badezimmers.
Auch meine Schwester macht sich via Internet schlau und erzählt mir beeindruckt, dass es das Heimchen eigentlich klassischerweise nur in südlicheren Gefilden gäbe.
Vielleicht sollten wir Eintritt nehmen? Oh, ich meine, meine Mutter. Wir wohnen ja ganz woanders.
Dann, ungefähr 20 Tage nach Einzug des Heimchens, besucht mein 12jähriger Sohn nochmals seine Oma. Er, der erst gar nicht mit dem Heimchen unter einem Dach schlafen will (Kann ich nicht doch bei den Nachbarn übernachten?), guckt am Sonntag morgen auf einmal an die Decke, holt sich einen Stuhl, steigt auf ihn drauf und löst entspannt den Deckel des Rauchmelders, lässt ihn noch einmal FIIEEEEEP sagen und nimmt dann die fast entleerte Batterie heraus.
Der Landfunk meldet: Das Heimchen ist ausgezogen.
Text: Barbara Loelf

