Besuch bei einer alten Dame
Echte Fußballfans haben das gewisse Etwas. Also diese Art von Etwas, das mich unruhig werden lässt. Ich kann nicht genau sagen, ob es der leicht muffige Geruch ihrer Fanshirts ist, die sie nie waschen, weil sonst die Autogramme verblassen. Oder ist es die Sterni-Standarte, die sie immer locker umweht, weil sie seit der Geburt Flaschenkinder sind, denn ihre Mütter haben geahnt, was aus ihnen wird und ließen sie nie an ihre Brust, aus Angst vor üblem Gegröhle bis zum Bäuerchen. Vielleicht liegt dieses gewisse Etwas aber auch nur in den Augen der Fans, dieser Weltblick, der von einem zum anderen Strafraum reicht.
Berlin, Mitte Mai. Hertha BSC spielt nach einer ganz üblen Saison um den Klassenerhalt. Und ich Vollpfosten habe mir eine Karte gekauft. Von dem Geld hätte ich prima in eine Bar gehen können, wo internationale Modelle hochhackige Schuhe und spitzen Unterwäsche tanzend auf Tischen präsentieren. Aber nein, in einem Anflug sentimentaler Erinnerung an Zeiten, als ich nicht nur alle Torschützen, sondern auch die Linienrichter der Fußball-WM mit Vor- und Zunamen kannte, habe ich beschlossen: da fährst du hin.
Warum heißt ein Fußballverein eigentlich Hertha? Und warum spielen in diesem Verein, der sich die alte Dame nennt, Männer? Herbert BSC wäre doch viel weniger verwirrend. Ich schaue mich in der S5 um, die mich zum Olympiastadion bringt. Der Zug ist in blau-weiß und dieses Gemisch aus Angst, Schweiß und Alkohol gehüllt. Zwischenzeitliche „Ha, ho, he, Hertha BSC“-Rufe dringen gurgelnd aus den Kehlen der zumeist mit bunten Hautbildern gebrandeten und irre vor sich hin glotzenden Lichtenberger und Hellersdorfer. Warum heißt der Verein nicht Hertha BSE?
Zwei Dortmunder Fans steigen ein. Die spielen zwar erst übermorgen im Pokalfinale gegen den FC Bayern, aber sie nehmen das lustige Abstiegsendspiel von Hertha gegen Fortuna Düsseldorf noch mit. Die sind irgendwie anders. Liegt bestimmt daran, dass sie aus Lörrach in der Schweiz kommen. Sie quatschen einen älteren Herrn mit halblangen grauen Haaren an, die lange kein Shampoo mehr gesehen haben. Er unterbricht die Flaschensammlung, denn Fußballfan-S-Bahnen versprechen der Leergutsammelindustrie Berlins immer eine hohe Rendite. Er scheint dankbar, weil ihn sonst nie jemand anspricht, sondern nur leere Flaschen und Dosen wortlos oder mit dämlichen Sprüchen begleitet in seine stattliche Kaisers-Tüte fliegen. „Wer gewinnt das Pokalfinale?“, fragen die jungen Schweizer in einem Zug, der doch nur die Frage kennt, ob die alte Dame Hertha nach dem Abpfiff auch noch in der ersten Klasse sitzen darf. „Neuer kann den Unterschied machen. In so einem Spiel kommt es auf den Torwart an“, analysiert der Flaschensammler. Und fügt fast philosophisch hinzu: „Das ist ungerecht, dass so eine schlechte Mannschaft wie Hertha noch die Chance bekommt, über die Relegation in der ersten Liga zu bleiben.“ „Das ist der Sport“, halten die verdutzten Dortmund-Fans dagegen. „Nein, so ist der richtige Sport nicht“, beharrt der graue Herr und sucht nach der nächsten leeren Beute mit einer Weite im Blick, die mich wissen lässt, dass das Leben genauso ungerecht sein kann wie der Fußball.
Olympiastadion. Der Bahnsteig wird geflutet mit blau-weiß-gewandeten Menschen. Sie singen ihre Lieder. „Ohne Düssel seid ihr nur ein Dorf.“ Und „Ole, ole Hertha BSC.“ Und natürlich „Scheiß Fortuna, scheiß Fortuna, scheiß Fortuuuuna Düsseldorf.“ Der Gefangenenchor von Nabucco ist fröhlich dagegen. Auf den Fanshirts stehen Sprüche, die die aktuelle Tabellensituation nicht ansatzweise widerspiegeln. „Hertha BSC, die Macht von der Spree“ ist bei drei gewonnenen Heimspielen in einer Saison ziemlich vermessen. Da könnten alternde Entertainer auch ein Shirt tragen mit der Aufschrift „Harald Schmidt, das ist der Quotenhit.“ Meinen Augen bleibt keine Atempause. Protzende „1000 Bundesligaspiele“ laufen an mir vorbei. Versuche das Gesicht zu identifizieren. Aber nein, 1.000 Bundesligaspiele hat nicht mal Charly Körbel geschafft. Da sich der Spruch auf einem zeltähnlichen Kleidungsstück befindet, das erstaunlicherweise trotzdem Spannung hat, rechne ich um. Diesen Körper formten etwa 15.000 halbe Liter. Fünf vorher, fünf in der Halbzeit und fünf zur Spielauswertung. Dann bin ich verwirrt. Eine tätowierte Billardkugel schreit mich mit seiner Aufschrift an: „Kniet nieder ihr Bauern, die Hauptstadt ist zu Gast!“ Ich denke für einen kurzen Moment darüber nach, ob Bonn in einer Konterrevolution der Bundesbeamten wieder zur Hauptstadt ausgerufen wurde. Aber wahrscheinlich ist für diesen jungen Hoffnungsträger jeder Gang vor die Haustür ein Auswärtsspiel.
Eine paar Polizisten lungern am Treppenaufgang Richtung Stadion. Scheint kein Hochsicherheitsspiel zu sein. Einen Moment später fährt ein Sonderzug ein. Diesmal flutet sich der Bahnsteig mit rot-weißen Sängern. „Berlin, Berlin, wir scheißen auf Berlin.“ Einige hundert Meter weiter futtern Berliner und Düsseldorfer zusammen Currywürste mit triefenden Pommes und saufen schales Bier aus Plastebechern. Die Fortunen kommen mir irgendwie intellektueller vor. Sie sind dezent punkig gekleidet, mit Totenköpfen auf dem Fanshirt und haben dieses spöttische Lächeln um die Mundwinkel. Ganz klar, die Jungs verstehen die Welt, schließlich sind die Toten Hosen die Hausband von Fortuna. Die Hertha-Hymne singt Frank Zander.
Das Spiel konnte nur 1:2 enden.



22. Mai 2012 um 09:21 Uhr
Jetzt hab ich Abseits halbwegs kapiert, da haust Du mir Charly Körbel um die Ohren. Wer verdammt ist denn nun Chary Körbel?
22. Mai 2012 um 09:27 Uhr
Guggst du: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Heinz_K%C3%B6rbel
22. Mai 2012 um 10:50 Uhr
Ein Geografie-Genie hat mich darauf hingewiesen, dass Lörrach noch in Bloody Germany liegt. Habe einen Länderpunkt verliehen. Aber weil es ja eine voll authentische Geschichte ist, hab ich diesen Schnitzer, der ja fast schon ein erkundliches Schnitzel ist, drin gelassen: Die Jungs haben sich in der S-Bahn original vorgestellt: Wir kommen aus Lörrach in der Schweiz. Pionierehrenwort.
22. Mai 2012 um 11:08 Uhr
Geh mich weg mitte Tote Hosen.
22. Mai 2012 um 17:17 Uhr
Schön Mike, wenn MANN das erleben darf !
Jetzt habe ich auch diesen Witz begriffen:
Nach der erneuten Niederlage macht der Trainer mit seiner Mannschaft einen Rundgang durch das Stadion: “So, Jungs”, sagt er, “wo die Fotografen sind, wisst Ihr ja. Den Standort der Fernsehkameras kennt Ihr auch – und nun zeige ich Euch noch wo die Tore stehen!”