Besinnliche Tage

Ja, ich weiß. Ihr meint es nicht böse. Das ist aber nicht entscheidend, wie ihr das meint. Nicht für mich. Der brave Waidmann meint es ja auch nicht böse, wenn er das zarte Reh mit seiner Flinte von der Lichtung pflückt. Keiner mutet dem Reh zu, dass es dabei Verständnis für die Hege des deutschen Forstes und Einsicht in die notwendige Populationsregulierung entwickeln müsste. Mir aber, mir wird sowas abverlangt. Das klage ich an.
Ich könnte schon bei Telefonaten, die gegen 17 Uhr MEZ geführt werden (für Amtspersonen gilt 15.30 bis maximal 16 Uhr) regelmäßig ausrasten, wenn zum Abschluß ein “Schönen Feierabend” aus der Hörmuschel schallt. Ich will keinen schönen Feierabend. Zumindest nicht um 17, 18, 19, 20 oder 21 Uhr. Ich will Gäste, viele Gäste, laute, fröhliche und meinetwegen auch anstrengende Gäste in der kleinen Speisegaststätte, in der ich als Weinknecht allabendlich meinen Dienst verrichte.
Stehe ich – sagen wir mal an einem sommerlichen Freitagspätnachmittag – auf den Stufen zu meinem Weinkeller und jemand wünscht mir ein geruhsames Wochenende, bin ich geneigt, eine der billigeren Bouteillen zum Wurfgeschoss umzuwidmen. Was soll ich mit einem geruhsamen Wochenende? Mich wie der alte Diogenes gemütlich in einem Weinfass einrollen? Bei allem Hang zu philosophischen Betrachtungen, das nährt die mir Anvertrauten doch nur sehr partiell. Ist es denn zuviel verlangt, sich mal für fünf Cent aus der eigenen Haut herauszudenken und zu beachten, dass andere nach einem anderen Rhythmus leben?
In der schönen Jahresendzeit aber steuert die verbale Rücksichtslosigkeit auf ihren traurigen Höhepunkt zu. Während nicht nur in unserem Haus Damast und Silber auf die Tische kommt, um erwartungsfrohen Gästen dramatisch gute Köstlichkeiten festlich zu servieren, entblöden sich viele Bekannte nicht, mir ruhige und besinnliche Tage zu wünschen. Gerne auch schriftlich, auf handgeschöpftem Büttenpapier, damit bis zum Verdrängen noch der Schritt zum Schredder nötig ist. Wohlgemerkt, es sind nicht mir ferne Menschen, die eine höfliche, meinetwegen auch herzliche Formel aufsagen. Da habe ich die Duldsamkeit eines asiatischen Bambusrohres. Es sind schlimmstenfalls Mitglieder der eigenen Familie, die ihr komplett abgemeldetes Einfühlungsvermögen derart unter Beweis stellen.
Wenig beruhigt mich dabei, mich nicht alleine zu wähnen. Es dürfte wohl jedem so gehen, der dann arbeitet, wenn andere Freizeit haben oder ihre Feste feiern. Sollte es sonst keiner wagen, ich habe jetzt beschlossen, auszubrechen aus der trostlosen Gefangenschaft konformen Verhaltens. Die verblüfften Reaktionen haben mir das zurückliegende Weihnachtsfest bereits auf das Köstlichste versüßt. Wie genau das aussah? Ach, liebe, geschätzte Leser. Wünschen sie mir doch einfach mal vor den nächsten Feiertagen das Falsche. Nicht absichtlich, das merke ich. Nein, schön unbedacht und am liebsten auf einer mundgemalten Unicef-Karte. Dann gibt’s schick eins auf die Mütze.
Foto: Ulrich van Stipraan

6. Januar 2011 um 08:49 Uhr
Nun denn: hier in der bayrischen Provinz ist Feiertag. Der, in dem kleine Kinder von Haus zu Haus ziehen, schräg singen und die Haustüren bemalen. (was ist da so besonders dran, frage ich mich gerade? Die klassische 1,5 Kinder-Familie hat das täglich..) Wie dem auch sei:
Lieber Autor; ich wünsche Dir einen 3-Königstag, an dem die Buden so rappeln, dass die kleinen Kaspars den Türstock nicht erwischen!
6. Januar 2011 um 10:41 Uhr
Ach, ich bin ganz sorglos. Die Türstöcke sind hier bei uns derzeit komplett vereist, da rutschen sie ab, die kleinen Kreideteufel.