Am Scheideweg

Es gibt wenige Situationen, wo mir tatsächlich mal der Kamm schwillt. Meist entledige ich mich nur mittels vorgetäuschter Empörung irgendwelcher lästiger Aufgaben oder Zeitgenossen, um mich dann sofort wieder in den Aggregatszustand der völligen Gelassenheit fallen zu lassen, in dem ich nun schon seit so vielen Jahren auf verschiedene Gelegenheiten warte. Beim Kochen ist das anders. Sobald mir am Herd jemand dreinredet, wird meine Halsschlagader porös. Ich bin ein Kochautist.
Am allerliebsten koche ich alleine. Meine Lieder, meine Träume, meine Gewürze. Meine Entscheidungen. Blitzschnell getroffen oder langsam riechend, prüfend, schmeckend gereift. Der Probelöffel, den ich der Liebsten nach draußen, in das Paralleluniversum neben meinem Kochreich reiche, ist reines Alibi. Scheinbeteiligung. Eigentlich will ich nur a) Lob oder b) ihren Appetit anregen. Regt sie an, ein Prischen von diesem oder jenem mehr dazu zu tun, stimme ich mit feinem Nicken zu. Das befriedet die Lage. Verändert wird natürlich nichts.
Was geht, sind verständige Freunde, die während meiner konzentrierten Tätigkeit am Küchentisch sitzen, Bier trinken, rauchen und schwatzen. Über Fremdgehen, Autowäsche, Cluburlaube und all die anderen Dinge, die mich nicht wirklich interessieren. Freundlich wie ich bin, plaudere ich gerne mit. So wie ich bisweilen mit dem Radio rede. Als aufmerksamer Zuhörer habe ich ja ein breites Halbwissen, das reicht zumeist. In der Not werfe ich einen eindruckheischenden Fachbegriff wie “zehner Maul” oder “Prokrastination” in die Runde, das verschafft erst einmal Luft.
Verlangt die Vielfalt der Speisen das Kochen in der Mannschaft, verlange ich dafür festgelegte Spielregeln. Einer bestimmt, wo es lang geht. Alle anderen legen sich in die Riemen, schälen, schneiden – und zwar auf die vom Chef vorgegebene Kantenlänge und nur auf die – oder spülen. Niemand außer dem Chef rührt in der Sauce außer der Chef sagt ihm, er soll die Sauce rühren. Kochen ist ein hochkomplexer Vorgang. Innerhalb kürzester Zeit müssen Entscheidungen von großer Konsequenz gefällt werden. Da muss die Demokratie leider draußen bleiben. “Nehme ich das Filet raus aus der Pfanne oder nicht” kann man nicht ausdiskutieren. Man kann schon, dann ist es halt durch.
Dabei ist es mir egal, an welcher Position ich stehe. Chef, Schäler oder Wasserträger. Gut, Wasser muss nicht sein, aber auch das Öffnen von Weinflaschen und Befüllen der Gläser reicht mir als Aufgabe völlig aus. Von dort aus nehme ich jede Ansage entgegen. Nur diskutieren mag ich nicht. Nicht in der Küche.
Im Leben ist es häufig wie beim Kochen. Man muss Entscheidungen fällen, blitzschnell und ohne eine dritte Meinung einzuholen. Darüber würde noch das feinste Filet zäh. Ich würze, wie ich denke und serviere dann das Mahl – doch nie mit ängstlichem Gesicht. “Schmeckt’s denn?” verunsichert meine lieben Gäste nur. “Es schmeckt so gut wie ich es kann” muss reichen. Wie langweilig sind die perfekten Tütensuppen. Es lebe mein Geschmack. Und gern der Eure, wenn Ihr kocht.

Bild: René Beder

24. Juni 2011 um 14:44 Uhr
Darf ich auch mal zum Rauchen, Schwatzen und Biertrinken kommen? Und keine Angst, ich verstehe vom Kochen so gut wie nichts, bin aber ein leidenschaftlicher Esser mit Liebe zum Lob und einem Nachtisch nie abgeneigt.
Es lebe das Mahl und mit ihm die Zeit, sowohl davor als auch danach!
Prost!
24. Juni 2011 um 15:24 Uhr
My Küchentisch is your Küchentisch, Daniel. Nur der Nachtisch, den zu Hause hast, ist durch keine Küchenkunst zu übertreffen.
24. Juni 2011 um 17:28 Uhr
Mir geht es exakt genauso. In der Küche kann ich Reinquatschen am wenigsten ertragen. Heute noch, nach deutlich über 20 Jahren, gibt es keine Situation in meinem Leben, die mich näher an Mordgedanken geführt hat als jene, in der die Mutter einer damaligen Freundin (in meinem Herzen bleibt sie der ‘Antichrist’) mich darüber belehrt hat, in welcher Position ich die Gabeln in die Geschirrspülmaschine einzusortieren hätte.
24. Juni 2011 um 19:48 Uhr
Also die Spülmaschine ist seit Anbeginn meiner ehelichen Zeitrechnung nur noch in 2 Fällen in meiner Hand gewesen:
1. Beim Anschließen
2. Beim Ausbauen (steht noch aus).
Gut, ich nenne das Privileg mein eigen, sie auch zwischendurch mal anfassen zu dürfen – beim Ausräumen.
24. Juni 2011 um 21:53 Uhr
Liebster Ingolf,
du bist nicht bereit, dass Besteck vorher richtig zu sortieren? Wie willst du dann mit der Geschirrspülmaschine kochen? Nimm dir mal ein Beispiel bei “Frag die Mutti!”
http://www.youtube.com/watch?v=_WTsWTttXdU