Aggroday
Als mein Wecker wie immer um 6:29 Uhr klingelt, weiß ich sofort Bescheid: Heute ist aggressive Stimmung im Orbit. Der Wecker ist aggro. Das Laken riecht aggro. Die Nachbarkinder flennen aggro. Ich beschließe, jede Minute dieses denkwürdigen Tages zu nutzen. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten ersticke ich den Wecker nicht liebevoll mit dem Kissen sondern verschleppe ihn nach Klein-Guantanamo, das an anderen Tagen ein bürgerliches Badezimmer ist. Beim Waterboarding legt der Wecker ein umfassendes Geständnis ab. Er wird mir nie wieder auf den Zeiger gehen. Heute ist Aggroday.
Stehe nackig in der Dusche und finde ziemlich unanständig, was ich im Spiegel sehe. Geruchsprobe mit in die Luft gestrecktem rechtem Arm. Animalisch. Passt zum Aggroday. Steige trocken wie eine Klosterpflaume aus der Waschanlage. Massiere mir aus Gewohnheit mit dem Handtuch den Rücken bis ich einem russischen Zupfkuchen gleiche. Klöppel mir aus den Hautfetzen einen Badteppich und fleischfarbene Unterwäsche. Eile in die Küche. Mein Wellensittich fordert pfeifend Tageslicht. Nehme den Käfig, trage ihn ans Fenster, öffne beides und sehe den streunenden Katzen bei der munteren Jagd zu. Immer noch besser als Mixer.
Zum Frühstück gibts Hackbraten. Englisch. Dazu Aioli mit elf Knoblauchzehen und einer Kelle Sambal Olek. Spüle mit warmem Ratsherrenpils nach. Lasse Rasierer und Zahnbürste unbenutzt. Verlasse meine Bude mit brennender Kippe. Mache auf dem Weg nach unten an jeder Wohnung einen kurzen Zwischenstopp und puste den Qualm durch Schlüssellöcher und andere kleine Ritzen.
Auf dem Weg zur Arbeit hole ich gesammelte Strafzettel aus meiner Tasche. Klemme sie hinter die Scheibenwischer von Autos mit Anwohnerparkausweis. Prima. Das sorgt für Unordnung im Ordnungsamt. Am Zebrastreifen provoziere ich einen Stau. Total gefährlich, diese offenen Schnürsenkel. Muss man sofort fest zubinden. Mit Doppelknoten. Hat mir Mama beigebracht. Ein Skodafahrer mit Oberlippenbart und Herrengelenktäschchen will mich zur Rede stellen. Ich trete ganz nah an ihn heran. Muss nichts sagen. Mein Frühstücksmenü wabert ihm in die Nase. Er bricht in ein offenes Cabrio. Die anschließende Massenschlägerei filme ich aus sicherer Distanz und stelle sie bei AggroTube ein.
Der Arbeitstag vergeht schnell. Laufe ich von Büro zu Büro. Streue Gerüchte, dass die Sekretärin mit dem Chef in die Kiste geht und ihre Wölbungen unter dem Sweatshirt vielleicht doch keine Speckröllchen seien. Drei Kollegen, die meiner Beförderung im Weg stehen, zeige ich anonym an, wegen illegaler Facebook-Nutzung während der Arbeitszeit. Der tatsächlich schwangeren Marketingtussi, die mich nie rangelassen hat, fresse ich alle Sauren Gurken weg und fülle das Glas mit Nacktschnecken auf.
Halb 3. Zukünftige Überstunden abbummeln. Ziehe mich auf dem Klo um. In Jogginghosen und mit Dederonbeutel gehe ich ins Arbeitsamt. Verbrüdere mich sofort mit der gesamten Warteschlange. Imitiere Lenin und plane mit dem Prekariat die Übernahme der Macht. Komme viel zu schnell an die Reihe. Lasse noch drei polnische Kollegen vor, die wieder zur Arbeit müssen. Als ich dran bin, bestelle ich bei der Vermittlungsfachkraft lautstark eine Runde Wodka für alle und lasse mich auf Händen nach draußen tragen. Vom Sicherheitspersonal, das morgen als Aufstocker selbst in der Schlange steht.
Das fremde Leid hat mich angemacht. Lege mich im Stadtpark auf die Lauer. Bewerfe knutschende Paare mit Unterhosen vom letzten Jahr. Der Protest prallt an mir ab. „Noch nie was von Liebestötern gehört?“, schreie ich den flüchtenden Teenagern hinterher. Spaziere dreckig grinsend in die historische Altstadt und klaue einem Touristen aus Berlin das Deutsch-Wörterbuch. Vor der katholischen Kirche baue ich einen Trödelstand auf und biete marktschreierisch meine Pornosammlung an. Mit den Einnahmen gehe ich in einen Nachtklub. Suche mir die dickste Liebesdienerin aus, trinke sie mir gertenschlank, mache ihr absurde Komplimente und täusche einen Orgasmus vor.
Kinder, wie die Zeit vergeht. Steif wie zwanzig Usbeken zappe ich mich auf meinem Sofa durchs Fernsehprogramm. Bleibe bei QVC hängen und bestelle die gesammelten Alben von Florian Silbereisen auf die Adresse der Hells Angels. Klingel den Nachbarn aus dem Schlaf. Frage ihn, ob er auch nicht schlafen kann. „Ja“, sagt er und schleppt mich in seine Bude. Man kann nicht immer Glück haben, denke ich. Schüttel einen Reim in sein Poesiealbum und beende meinen Aggroday mit Weltmusik, Duftkerzen und einem Liter Grünem Tee.



28. November 2011 um 09:49 Uhr
Kompliment! Der Anfang (headliner) liest sich sehr gut.
Danach? Ich haette aufgehoert weiterzuschreiben, denn das anfaengliche Tempo ist nur schwer zu halten.
28. November 2011 um 10:22 Uhr
Vettel soll Tempo machen. Ich schreibe ja nur. Danke für das halbe Kompliment.
28. November 2011 um 10:23 Uhr
Der Vettel ist aber schon Weltmeister, dem schadet das nicht.
28. November 2011 um 10:33 Uhr
Musste herzhaft lachen!
28. November 2011 um 10:37 Uhr
Btw der Satz hat das Zeug, Weltkulturerbe zu werden: “Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten ersticke ich den Wecker nicht liebevoll mit dem Kissen sondern verschleppe ihn nach Klein-Guantanamo, das an anderen Tagen ein bürgerliches Badezimmer ist.”
28. November 2011 um 13:02 Uhr
PS: sollte “aggro” dereinst mal verfilmt werden, muss Ingvar Hirdwall unbedingt die Hauprolle bekommen.
http://johnvalencia.blogg.se/images/2008/ingvar-hirdwall1_18662850.jpg
28. November 2011 um 14:46 Uhr
Lieber Mike, mir geht mir auch oft so! Da hilft wirklich nur Aioli mit warmem Ratsherrenpils. Vielleicht noch ‘ne Zigarre zum Frühstück. Ein sehr schöner, aus dem Leben gegriffener Artikel. Du wirst Dir aber einen Vorwurf machen lassen müssen: “Die Massenschlägerei filme ich aus sicherer Distanz” – tss tss – da geht noch mehr, aggro-mäßig.
28. November 2011 um 17:37 Uhr
Hört mal mit dem “Lieber” und diesem Rumgeschleime hier auf. Heute ist Aggroday. Noch über sechs Stunden. Vastehste…???
28. November 2011 um 17:47 Uhr
Hat die Bohne gerade zum zensurfreien Rummotzen eingeladen? Ich fasse es nicht! Der Aggrothread is offen!
28. November 2011 um 17:48 Uhr
Na logo, du Micky Mouse.
28. November 2011 um 17:52 Uhr
Hört mal, Ihr Murmeln. Ihr müsst mal zum Dörbie nach MG kommen. Dann können wir über Aggro reden. Ohne Zähne. Ihr.
Tsseee.
28. November 2011 um 17:53 Uhr
Wir kommen erst wieder nach MG, wenn die Fohlen lahmen. Ihr seid doch jetzt so weit weg von aggro wie ich von Knigge.
28. November 2011 um 18:02 Uhr
Bierderby, Du Spaten.
28. November 2011 um 19:57 Uhr
Spatenbräu? Ihr Pansen, euch benutz ich als Brillenputztücher! Von wegen Knigge, ich hatte meinen Knigge schon intus, da habt Ihr noch in die Windeln gekackt.
28. November 2011 um 20:28 Uhr
Was auch an dem nicht zu unterschätzenden Altersunterschied zwischen dir und uns anderen und der strengen Kinderstube liegen wird, die du genossen hast…
28. November 2011 um 21:25 Uhr
Genossen. Das ist genau das richtige Stichwort für den Ingo-Poser. Der tut doch nur so, der macht nix…
28. November 2011 um 21:37 Uhr
Ha! Und das mir! Der ich täglich nachts um zwei in die Skinhead-Treffs gehe und brülle: “N’abend, Mädels!” – kurze Pause – “Ach, sorry, ihr seid Transen, oder was?” Jaha, der Danger-Seeker!
28. November 2011 um 21:57 Uhr
Frauenversteher und Wackelschwestern, ich bin stolz auf Euch! Rülps. Weiter so. Mansei!!!