31. Januar – Von Kaffee und Terroristen

Ich liebe Kaffee. Altmodischen Kaffee. Natürlich trinke ich auch modernen Kaffee. Die Zeit bringt es einfach mit sich bzw. lässt es nicht mehr zu. Frau Bentz hätte das anders gesehen. Für sie war die Zubereitung eines guten Kaffees ein Teil ihres bürgerlichen wenn auch kleinen Wohlstandes, gehörte zeremoniell zur sonntäglichen Vesper mit Dresdner Eierschecke und feinem Spritzgebäck. Dass jedoch auch Frau Bentzes Welt nicht geprägt war von Perfektion, verbindet uns. Frau Bentz mochte ihn nicht, den Kaffeesatz. Geschmacklich war er ihr zu bitter und als Hausfrau eine Last, musste sie doch beim Spülen der zartfeinen Porzellantassen besondere Aufmerksamkeit walten lassen. Gar zu widerspenstig saßen die groben Reste am Boden eben jener.
Weniger aufmerksam war da schon ein anderer. Friedrich August Reinsdorf, geboren heute vor 162 Jahren. Der plante 1883 anlässlich der Einweihung des Niederwalddenkmals ein Attentat auf Kaiser Wilhelm I., konnte jedoch sein Unterfangen nicht umsetzen – wie auch schon zwei andere Deutsche in den Jahren zuvor. Zwar hatte er für ausreichend Dynamit gesorgt, gar soviel, um die komplette Monarchenfamilie nebst Würdenträger und Hofstaat in den Himmel zu sprengen. Doch machte ihm eben jener einen Strich durch die Rechnung. Die Zünder versagten auf Grund des feuchten Wetters. Reinsdorf, heute als Freiheitskämpfer gepriesen, segnete noch vor dem verhassten Monarchen das Zeitliche, hingerichtet im Halleschen Roten Ochsen.
Soweit wollte man bei einer anderen Persönlichkeit des 31. Januars nicht gehen. Wenn gleich auch er zum Sturz des Establishments aufforderte, Anarchy in the UK zum Thema machte und als notorischer Berufspunk der Sex Pistols die Queen durch den Kaffee zog. John Joseph Lydon, vormals bekannt als Johnny Rotten und etwas in die Jahre gekommen, feiert heute seinen 55gsten. Spötter behaupten, er habe seine Ideale von einst schon längst zu Grabe getragen, fröne jetzt einem spießbürgerlichen Dasein und könnte sich sogar vorstellen, ein kleines Konzert zu geben auf die Ehren des europäischen Hochadels. Da böte sich eine schnelle wie auch praktische Gelegenheit. Frau Armgard feiert ebenfalls. Zwar nicht auf der Insel, aber schrill pompös und obendrein royal. Beatrix, Prinzessin von Oranien-Nassau und Lippe-Biesterfeld, hauptberuflich Königin der Niederlanden und – ihre Fans mögen mir verzeihen – ebenfalls Attentat erprobt seit 2009, erblickte auf den Tag genau vor 73 Jahren die Lichter von Schloss Soestdijk.
Nicht ganz so erhaben und von Gottes Gnade ins Irdische befördert erging es einem schlesischen Kesselbauer und Kabarettisten, dem heute die gesetzliche Rentenversicherung abzugsfrei zum 65gsten gratuliert. Nachdem er als selbstbetitelter Beutelgermane im DDR-Showfernsehen für Auftritte mit zum Teil komödiantisch bittersüßen Nuancen sorgte und in Folge des Mauerfalls den langersehnten Westen mit seinem Trabant namens “Schorsch” erforschen wollte, zog es ihn letztendlich in die kriminalistischen Gefilde der Hansestadt Hamburg und somit von Fall zu Fall. Wolfgang Stumpf, bekannt als Kriminalhauptkommissar Stubbe, muss sich nun entscheiden: Rente oder Weitermachen?
Wer noch lange nicht ans Aufhören denken will, ist ein junger Mann aus Memphis, Tennessee. Der explodierte in den letzten zehn Jahren zum Poptitanen, sang Herz zerbrechenden wenn auch biologisch unmöglichen Stuss ala “Weine mir einen Fluss” und trat – dies vielleicht in guter Tradition zu Reinsdorf und Johnny Rotten – auch als Monarchistenschreck in Erscheinung. Nicht der politischen Überzeugung geschuldet, als vielmehr zufällig entblößte er vor laufenden Kameras die Brust der King-of-Pop Schwester Janet Jackson. “Nippelgate” war geboren, das prüde Amerika des neuen Jahrtausends schrie auf. Im Nachhinein kam allerdings selbst King Michael auf den Gedanken, es könne sich lediglich um einen exzellent performten PR-Gag handeln. Dem Performer hat das nicht geschadet. Die Zeiten, in denen Britney Spears ihn dafür einen Fluss geweint hätte, waren längst vorbei und die Karriere auf dem Höhepunkt. Heute macht er die 30 voll, Justin Randall Timberlake.
ARD-Dauerphänomen Jan Hofer hingegen schon fast die 60. Gut, genaugenommen hat er noch 365 Tage Zeit. Ich bin mir allerdings sicher, ihn ficht das wenig. Bestimmt genießt er den Tag im Studio der Tageschau bei Kuchen und einer guten Tasse Kaffee. Richtigem Kaffee. Kaffe, wie Amalie Augustine Melitta Bentz ihn zu Beginn des 20. Jhdt. erfand, als sie zum ersten Mal das Löschpapier aus den Schulheften ihres Sohnes zweckentfremdete und dieses in einen kleinen Messingtopf spannte, den sie zuvor mit winzigen Löchern versah.
Und würde Frau Bentz mich an ihrem heutigen 138. Geburtstag nach Dresden einladen, ich bin mir sicher, es gäbe ihn, den Filterkaffee.
Foto: Arielle Kohlschmidt

31. Januar 2011 um 06:46 Uhr
Happy Birthday Frau Melitta wünscht der Kostblog
http://kostblog.de/31-januar-von-kaffee-und-terroristen/2011/01/31/
31. Januar 2011 um 15:25 Uhr
…und dabei hab ich erst letzte Woche köstlichen “káva turecká” getrunken und mir dabei überlegt, dass der Satz schön macht und wie gräßlch Filterkaffee schmeckt
31. Januar 2011 um 16:52 Uhr
Das ist nicht fair, Charis. Du warst vorher schon ziemlich schön.
31. Januar 2011 um 17:09 Uhr
Ich liebe ihn!
31. Januar 2011 um 17:50 Uhr
Das verstehe ich, Taschi. Kaffee ist ja auch ‘was grandioses.